Sonntag, 6. Mai

Veröffentlicht auf von Marie

Herrlich, einfach mal abzuhängen! Da ein Teil der üblen Blutergüsse sich im Knie gesammelt hat, kann ich nicht gut laufen und verbringe den Vormittag am Gradierwerk. Sonne, Lektüre und das monotone Plätschern des Wassers, so lässt sich angenehmst vor sich hin dösen. Auf meinem Zimmer wartet ein Stapel Klausuren zur Korrektur, die meinen Blutdruck gewiss mächtig nach oben schrauben würden. Mein einziger Gedanke: ach, nö. Vielleicht gibt’s irgendwann schlechtes Wetter. Heute definitiv nicht.

Beim Mittagessen nimmt der Küchenchef anscheinend wieder einmal persönlich Rache an mir: das vegetarische Gericht ist wohl nicht laktosefrei genug und so bekomme ich als Einzige drei superflache Bratlinge unklarer Provenienz in durchsichtig-dünnflüssiger Tomatensauce. An der Zerkleinerung in mundgerechte Portionen scheitere ich; ich schneide, säble, rupfe, zerre mit Brachialgewalt an den teakholzartigen Strukturen herum, pieke am Ende das Teil auf die Gabel und reiße löwengleich mit den Zähnen ein Stück heraus. Ich kaue sehr, sehr lange. Und da der Salat heute aus Wurst und Dosenbohnen besteht, stürze ich mich auf die frische Streupetersilie und die rote Grütze zum Nachtisch. Ich stehe hungrig auf. Die Dame mit „dat Ischias“ erzählt, dass in der Nähe ein wunderbares Café liege, das ein beliebtes Ausflugsziel sei mit ganz viel tollem Kuchen und fragt, wer denn Lust hätte, bei ihr im Auto mitzufahren. Fast alle sind dabei.

Unsere Gruppe ist mir inzwischen richtig ans Herz gewachsen. Ins VOR-Programm, so haben wir gemerkt, wird alles gepackt, was orthopädisch diffus ist, sich überlagert mit anderen Erkrankungen oder schlichtweg von starken, chronischen Schmerzen begleitet wird. Wir sind im Grunde die „Psychos“ innerhalb der Orthopädie. An keinem Tisch geht es – egal zu welcher Mahlzeit – so hemmungslos fröhlich zu wie bei uns. Wenn irgendwo im Gebäude lautes Lachen ertönt, ist das garantiert jemand von uns. Wir sind acht Damen und zwei Herren, die aus allen Teilen Deutschlands kommen, und allesamt zwischen 50 und 60 Jahre alt. Jeder steht mit Job und Familie sehr tatkräftig im Leben und hat irgendetwas doofes Orthopädisches, was uns hier zusammengeführt hat. Aktivitäten außerhalb des Behandlungsplanes sind stets ruckzuck über WhatsApp organisiert - und so quetschen wir uns in zwei Autos. Die Ischias-Dame fährt einen ausgesprochen heißen Reifen, verfährt sich auch mal, aber uns ist das reichlich egal – Hauptsache Spaß! Das Café entpuppt sich als wundervoll zwischen Rapsfeldern gelegene Wirtschaft mit einer großen Auswahl im Durchschnitt fünfstöckiger Sahnetorten. Es gibt zu meiner Freude auch laktosefreies Eis. Auch einer unserer Herren ist mitgekommen, mein Tischnachbar: ein Metzger mit einem ausgesprochen sanftmütigen und einfühlsamen Naturell. Unsere sehr unterschiedlichen Weltanschauungen in Bezug auf Tiere sind interessanterweise für keinen von uns beiden ein Problem. Wir beschließen in froher Runde, dass keine Fettpunkte drin sind, wo keine drauf stehen, und haben einen wundervollen Nachmittag.

Da mein Knie sich gut benimmt, wage ich einen Teil des Rückwegs zu Fuß. Mich begleitet eine zierlich-kleine Dame von ausgeprägt rheinischer Frohnatur. Zunächst geht es mit der Fähre über die Weser und dann noch etwa eine Dreiviertelstunde den Weser-Radweg entlang zwischen blühenden Wiesen, Pferdekoppeln und vereinzelten Weiden, die ihre langen Arme ins Wasser tauchen. Idylle oder Kitsch – wer weiß?

Bilanz des Tages: Sonnenbrand, Knieweh und richtig gute Laune.

 

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