Samstag, 19. Mai

Veröffentlicht auf von Marie

Nichts Besonderes heute. Ganz Reha-Profi komme ich eine knappe Viertelstunde vor Frühstücksende in den Speisesaal in der Hoffnung, mir den Teller vollzupacken und dann gemütlich und lang zu frühstücken. Natürlich bin ich nicht die Einzige mit dieser Idee: es gibt einen gewaltigen Rückstau. Insbesondere an der Ecke mit den Backpflaumen herrscht Gedränge, der zu manchem Klönschnack genutzt wird. Bis ich einen Obstsalat ergattert und erst einmal eine Tasse Kaffee getrunken habe, ist das Büfett schon abgeräumt. Wie gut, dass ich inzwischen auch Reha-Vorratshaltungs-Profi bin.

Später habe ich – trotz Samstag – noch eine Stunde Muckibude auf meinem Plan stehen. Dort ist es erstaunlich voll. Insbesondere ältere Damen sind dort zahlreich vertreten. Die Zeiten für die Bewegungsschiene am Knie sind genau geplant. Trotzdem kommt alle 10 Minuten eine Dame und fragt, ob sie nicht heute schon früher drankommen könnte. Die Aufsicht führt heute der Kletterseil-Mensch; er ist leicht überfordert und sehr überrascht, kommt doch sonst selten jemand früher, samstags schon gar nicht. Ich schaue mir das Spektakel von meinem Ergometer eine Weile an und frage dann laut in die Runde, ob die Damen die Hochzeit im Fernsehen gucken wollen. Die Damen kichern begeistert. Der Kletterseil-Mensch fragt, welche Hochzeit? Und dann geht das Geschnatter los. Ausführlich wird er junge Mann, den das vermutlich nicht die Bohne interessiert, über die royalen Amouren aufgeklärt. Der Name „Prinz Harry“ wird von vielgestaltigen Seufzern begleitet. Und wisst ihr noch, die Hochzeit von William? Hach, war das schön! Und so geht es munter weiter. Ich verziehe mich in meine Gewichthebe-Ecke und höre aus der Ferne zu. Punkt elf Uhr leert sich alles schlagartig. Jetzt dürfte es in Windsor losgehen. Die nächste Stunde verbringe ich ruhig und konzentriert. Wenigstens läuft heute keine Musik.

Nach dem Mittagessen gehe ich eine Runde spazieren. Das Wetter ist heute erstmalig deutlich ungemütlich. Die Sonne ist nur zu erahnen und der Wind ist unangenehm kalt. Das Wasser der Weser brodelt braun und wenig einladend. Trotz warmer Kleidung friere ich; leider kündigen sich auch einmal mehr Kopfschmerzen an. So hole ich mir ein Coolpack und lege mich hin. Nur ein Viertelstündchen. Zu meiner Überraschung wache ich auf, weil die untergehende Sonne durch die Wolken lugt und mich an der Nase kitzelt. Soviel wie hier habe ich seit gefühlten Jahren nicht mehr geschlafen. Und dem Kopf geht es auch besser. Zum Abendessen gibt es dann Karamellwaffeln, Riesling-Schorle, eine Feuchtigkeits-Gesichtsmaske und einen Provence-Krimi. Fazit: nichts Besonderes kann sehr erholsam sein.

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