Pfingststonntag, 20. Mai

Veröffentlicht auf von Marie

Die Sonne lacht vom tiefblauen Himmel, die Vögel zwitschern und dunkelgrün pflügt sich die Weser durch das Tal. Es ist ein Bilderbuch-Pfingstsonntag. Nach einem späten Frühstück gammelt unsere Gruppe bis zum Mittagessen am Gradierwerk herum. Auf Tüchern und Kissen liegend lesen wir, plaudern wir, lachen wir, genießen wir. Nach dem ungewohnt üppigem Mittagessen – Ruhigstellung per vollem Bauch funktioniert ja meist recht gut – plane ich eine kleine Wandertour. Dieses mal organisiere ich mit dreifacher Sicherung: ich suche mir ganz analog auf der Karte ein Ziel aus, ein nahegelegener Hügel, dessen Hochfläche mindestens im Mittelalter besiedelt war, eventuell ein Winterlager Karls des Großen beherbergte und vielleicht schon von den Römern verteidigungstechnisch genutzt wurde. Ein Ort mit Geschichte also. Das Ganze liegt quasi hinter der Haustür. Ein Rundpfad um den Hügel sollte in gut einer Stunde bewältigt werden können. Die Route ist sowohl als Wanderweg als auch als Nordic-Walking-Strecke gekennzeichnet. Ich präge mir die Kennzeichen ein und füge noch eine verkürzte Ausweichstrecke hinzu. Dann gebe ich den Weg in meine Wander-App ein und checke – hier bitte ein Tusch! – das Höhenprofil. Sanfte Wellen ohne große Steigungen und Gefälle, ausdrücklich als leicht begehbar beschrieben. Die Strecke endet am einzigen Café des Ortes. So schnüre ich heute leichtes Gepäck; ein dreiviertel Liter Wasser sollte reichen. Welch ein Irrtum!

Zunächst ist alles wie geplant. Elegant mäandert der Weg durch einen Wald an der Flanke des Hügels entlang. Nach etwa einem Kilometer stehe ich einmal mehr vor einer Absperrung, die vor dem Betreten bei Lebensgefahr warnt. Eigentlich sieht der Weg dahinter ganz passabel aus. Also klettere ich über das rotweiße Band und freue mich. Nach einer Weile stehen links lauter Schilder, die darauf hinweisen, dass hier das Gelände des Schützenvereins ist und beim Queren Lebensgefahr besteht. Es ist absolut still um mich herum. Zufällig weiß ich, dass heute unten im Dorf Schützenfest ist, da wird wohl niemand hier üben. Ich marschiere munter weiter, immer entlang der deutlichen Wanderwegkennzeichnung. Ein Stück weiter ist der Pfad an der mittlerweile recht steilen Flanke weggebrochen, nur ein schmaler Grat trennt mich vom Abgrund, auch das meistere ich bravourös ebenso wie einige umgestürzte Baumstämme, die quer liegen. Aber dann geht gar nichts mehr. Der halbe Wald scheint den Hang heruntergebrochen zu sein. Seufzend kehre ich um. Meine Wanderkarte zeigt mir etwas oberhalb eine parallel verlaufende Straße, dazu muss ich aber erst ganz zurück. Die Straße führt an Anwesen vorbei, die mit zunehmender Höhe immer großartiger werden. Die Jugendstilgebäude sind eher Schlösschen als Villen, jedes umgeben von einem großzügigen Park und geschützt durch Bruchsteinmauern. Schwere schmiedeeiserne Gitter lassen Ein- und Durchblicke zu. Donnerwetter!

Die Straße führt in gerader Linie direkt den Hügel hinauf und mündet in einen Forstweg, der aufgrund seiner Steigung nur noch mit schwerem Gerät befahrbar sein dürfte. Ich schwitze und keuche; der Hügel ist weit höher als er von unten aussieht. So überwinde ich auf kurzer Distanz 200 Höhenmeter, während meine App mir permanent unangenehm souffliert, dass der Weg 150 Meter rechts von mir sei. Und mindestens ebenso viele Meter unterhalb. Oben angekommen ist mein Wasservorrat fast aufgebraucht. Auf der Hochfläche gibt es einige Wirtschaftswege, die insgesamt mehr oder weniger kreisförmig angeordnet sind. Hier oben wachsen spektakulär hohe Bäume, es summt von Insekten und die Luft ist getränkt von Waldgerüchen, die an toskanische Pinien erinnern. Die Sonne brennt und ich laufe weiter. Auf der anderen Seite des Berges ändert sich plötzlich das Bild. Hier hat der letzte große Sturm mit brachialer Gewalt zugeschlagen. Kreuz und quer liegen entwurzelte Bäume, teils von gigantischer Größe. Eine breite Schneise zieht sich durch das Hochplateau als hätte ein Tornado gewütet. Oder Titanen ihren Furor entfesselt. Der Anblick ist bestürzend. Das Waldgebiet ist eigentlich ein Naturwald, der forstwirtschaftlich nicht mehr genutzt wird. Trotzdem haben großflächige Aufräumarbeiten begonnen, denn entlang des Weges stapeln sich sauber Baumstämme und abgebrochene Äste. Erst jetzt wird mir klar, warum die vielen Wanderwege gesperrt sind. Anscheinend wird stückweise das Gelände wieder gesichert und begehbar gemacht – und das Gelände ist riesengroß. Wanderwege stehen auf der Prioritätenliste naturgemäß ganz unten. Einen Kilometer weiter ist die halbe Bergflanke abgerutscht. Die Straße ist frei und gesichert, aber rechts und links ist die Zerstörung allumfassend. Welche Gewalt muss dieser Sturm gehabt haben! Mir ist ein wenig unheimlich.

Der Weg bergab ist seniorenfreundlich: am Abhang entlang geht es allmählich in weiten Serpentinen nach unten. Immer wieder gibt es wundervolle Ausblicke auf die Weser. Ich erreiche den Fuß des Berges eine halbe Stunde vor dem Abendessen und etwa 3 Kilometer entfernt von der Stelle, an der ich eigentlich herauskommen wollte. An der Klinik angekommen grüßt mich schon unser munteres Trüppchen aus der gegenüberliegenden Wirtschaft. Schnell springe ich unter die Dusche, trinke etwa einen Liter Wasser und setzte mich dann zu den Anderen, um mit einer Portion Eis die ideale Grundlage für das fantasielose Abendessen zu legen. Meine Knie zittern, meine Fußsohlen brennen, ich bin total erledigt.

Fazit des Tages: auch abseits des Weges kann man sich schmerzende Füße holen.

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