Montag, 7. Mai

Veröffentlicht auf von Marie

Noch bin ich ahnungslos, morgens bei blauem Himmel und Sonnenschein. Noch habe ich viel Spaß in der „Bewegungskompetenz“, bei der wir was Entspannendes mit Sitzbällen machen sollen, aber statt dessen lieber albern sind und durch die Gegend basketballern – die Bälle bekommen wir dann auch prompt wieder abgenommen. Ups! Die anschließende Elektrotherapie mit folgender Moorpackung verbringe ich himmlisch dösend. Das Mittagessen ist so richtig lecker mit dick belegter Gemüsepizza; allerdings deucht mich der Hefeteig maximal halbgar. Meine innere Stimme mahnt zur Vorsicht – und so esse ich die Portion nur halb. Eine Dreiviertelstunde später explodiert mein Gedärm. Ich schlucke an Pillen, was ich so in meiner Notfallapotheke dabei habe und verlasse eine Stunde später auf sehr wackeligen Beinen mein Badezimmer. Und ausgerechnet heute habe ich die zweite Einzelsitzung beim Hauspsychologen, auf die ich mich seit Tagen freue! Also atme ich tief – nein lieber nur halbtief – ein und mache mich auf den Weg.

Etwas blässlich strahle ich ihn an und stelle sehr schnell fest, dass der Kerl gut ist, richtig gut, denn zielsicher hat er erkannt, dass ich ihm heute nicht viel entgegenzusetzen habe und er genießt sein Oberwasser. Heute steht die Besprechung der Ergebnisse der ganzen schriftlichen Tests an, aber nur kurz, denn er habe wenig Zeit. Gemeinsam mit dem vorherigen Gesprächstermin - „Gespräch?“ denke ich - könne er so die Diagnose stellen und Empfehlungen für die Behandlung zuhause geben. Zunächst gibt es die Ergebnisse, die mit dem Beruf zusammenhängen. Meine Einstellung zum Beruf deutet er als bestenfalls lau: kein Ehrgeiz, kein Engagement, kein Stress. Aha! Ich halte dagegen: da sei ja wohl das Prozesshafte nicht erfasst - ich habe tatsächlich „prozesshaft“ gesagt. Mein Schwerpunkt habe sich eben auf das Leben verlagert und weg vom Job, das habe Gründe. Im Folgenden belehrt er mich, dass diese Haltung nicht konform sei mit unserer Gesellschaft. Werde ich gerade als Sozialschmarotzer hingestellt? Es kommt noch besser: im Persönlichen bin ich überwiegend langweilig, habe allerdings eine starke Tendenz zum „Psychotizismus“, das müsse man psychiatrisch im Auge behalten. Erst einmal bin ich begeistert: eine neue Diagnose, ein Wort, was ich nicht kenne. Toll! Später frage ich auf meinem Zimmer angekommen Doktor Internet nach Genauerem und staune: anscheinend bin ich eine Mischung aus Serienkiller und Goebbels. Auf der anderen Seite gibt es wohl verhaltenstherapeutisch drei Haupttypen, in die unterschieden wird: Heulsuse, Trottel und Fiesling. So betrachtet gebe ich gerne den Fiesling. Noch nicht genug des Üblen: der Schmerzfragebogen ergibt, dass ich Schmerzen habe. Welch eine Erkenntnis! Warum bin ich wohl hier? Flüssig schleimt der Psychologe, dass die Reha natürlich die Schmerzen stoppen wird und zuhause ein neues, schmerzfreies, glückliches Leben auf mich wartet, wenn ich mich darauf einlasse. Während ich Luft hole, bekomme ich noch schnell reingewatscht, dass ich wohl kein Problem damit habe, meine Meinung zu sagen. Nein, Herr Psychologe, denn ich habe eine unheilbare Krankheit, die Fibromyalgie heißt und die bedeutet, dass ich Dauerschmerzen habe. Von dieser Krankheit habe er noch nie gehört. Ob ich sicher sei, dass ich nicht nur denke, dass ich Schmerzen habe? Und an dieser Stelle passiert es: ich bin sprachlos.

Noch Stunden später brodelt es in mir. In jeder Hinsicht. Ist das der Serienkiller in mir oder ist der Kerl einfach nur ein Riesen..........? Vielleicht ist es auch einfach nur die Pizza.

Erkenntnis des Tages: sei dankbar! Das dicke, blaue, steife Knie hat heute überhaupt nicht gestört.

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