Montag, 14. Mai

Veröffentlicht auf von Marie

Nein, ich habe heute morgen nicht geweint beim Abschied – leicht war es nicht. Allerdings lenkt mich ein gänzlich neuer Punkt auf meinem täglichen Stundenplan schnell ab: „Arbeitstherapie“. Das klingt rein sprachlich schon ein bisschen negativ. In einem Flur stehen mehrere Stationen mit Gerätschaften, an denen wir schon mehrfach vorbei gekommen sind, deren Sinn sich jedoch bislang nicht ganz erschloss. Ein Physiotherapeut erklärt uns, was wir an jeder der acht Stationen genau zwei Minuten lang tun sollen; die zwei Minuten seien wichtig, damit die allesamt rückengerecht auszuführenden Bewegungen sich als neues Muster verankern können. Alle Stationen seien Beispiele aus der Arbeitswelt – bis auf die Dehnstation, die einfach nur dem Dehnen dienen soll. Aha. So sind wir dann eine Weile damit beschäftigt, zwei Minuten lang und mit voller Konzentration Sandsäckchen von rechts nach links und wieder zurück zu heben, eine Schnur durch Metallösen zu fädeln, eine leichte Metallstange hochzuheben und wieder zu senken und eine Kiste mit ein wenig Gewicht vom Tisch auf den Boden und wieder zurück zu stellen. Es ist unfassbar öde. Was mir davon in meinem Alltag als Lehrer nützen soll, weiß ich nicht. Vielleicht rückengerecht heruntergefallene Kreide aufheben? Auch diejenigen in der Gruppe, die am PC arbeiten, und das ist der deutlich größere Teil, gähnen vor sich hin. Der Therapeut kann natürlich in dem langen und schmalen Flur nicht die Augen überall haben, zumal ein älterer Herr alle 10 Minuten vorbeirollt und fragt, ob es jetzt schon 13 Uhr sei, weil er dann Armtherapie habe. So mogeln wir, was das Zeug hält, halten abwechselnd Wache und tun dann plötzlich sehr geschäftig. Im Grunde ist es wie in der Schule. Haben meine Schüler auch dieses Gefühl tiefgreifender Sinnlosigkeit? O je!

In der anschließenden „Bewegungskompetenz“ sind heute unsere Faszien dran, die wir mit Tennisbällen bearbeiten. Die Bälle-weg-Esoterik-Therapeutin benutzt in jedem zweiten Satz das Wort „Wohlfühlschmerz“; da, wo sie selbst mal zupackt, um uns zu demonstrieren, wie kräftig man zupacken muss, ist es mit dem Wohlfühlen schnell vorbei. Stöhnen und Schreien rührt die Dame nicht im Geringsten; das müsse so sein. Mal gucken, wie meine gerade abklingenden blauen Flecken auf diese erneute Tortur reagieren.

Direkt nach dem Mittagessen haben wir Psycho-Gruppe; allein der Gedanke zaubert ringsum reichlich lange Gesichter. Heute haben wir jedoch nicht den Hauspsychologen, der um diese Zeit wahrscheinlich noch mit seiner Mutter beim Essen sitzt, sondern die neue, junge Psychologin, die ihren Job einfühlsam, sympathisch und richtig gut macht. Thema ist heute „Schmerz“, also etwas, bei dem wir alle Zwangs-Experten sind. Immer wieder stellt sie Fragen, will mit uns in die Diskussion kommen. Wir überziehen gewaltig, aber sie nimmt mit Humor, dass ihr nächster Termin einfach später anfängt.

Und da die Sonne wunderbar scheint, ist der Rest des Nachmittags dem seligen Lauschen des strömenden Flusses gewidmet. Ist auch wichtig!

Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren:
Kommentiere diesen Post