Mittwoch, 9. Mai

Veröffentlicht auf von Marie

Ein überraschender Tag! Allerdings war der Beginn alles andere als schön. Die sich bei Sonnenaufgang ankündigende Migräne habe ich wenig originell mit Triptan niedergeknüppelt. Mit einem Coolpack im Nacken konnte ich tatsächlich noch eine Runde schlafen – das Frühstück fiel aus, das Power Walking wegen des nach wie vor blauen Beines sowieso. Später stand die Lehrküche im Plan, ein Event, das ein Teil unserer Gruppe bereits letzte Woche hatte und von dem mit feuchten Augen alle noch immer schwärmen, vorzugsweise, wenn mal wieder dröges Essen mittags auf dem Tisch steht. Ob ein totaler Küchenanalphabet wie ich damit klar kommt?

Lehrküche bedeutet, dass man gemeinsam ein Mittagessen unter Anleitung zubereitet – natürlich möglichst fettarm. Sieben Menschen, sieben Gerichte. Geleitet wird es heute nicht von der Öko-Fregatte, die mich letzte Woche bis ins Mark erschreckt hat, sondern von der jungen Diät-Assistentin, die uns am ersten Tag mit den Fettpunkten vertraut gemacht hat. In der Klinik läuft sie üblicherweise im Arztkittel herum und tut bedeutend, in der Küche ist sie locker, lustig und kompetent. Zuerst werden uns die Gerichte vorgestellt, dann darf jeder aussuchen. Ich entscheide mich für Quinoa-Bratlinge – für mich schon so etwas wie Haute Cuisine. Glücklicherweise bin ich nicht die Einzige, überhaupt teilen wir die Gerichte irgendwie fließend unter uns auf. An meiner Seite steht eine warmherzige Dame aus unserer Gruppe, die vordergründig wie ein nettes Hausfrauchen aussieht, aber nicht nur über einige Tattoos, sondern auch über einen abgrundtief schwarzen Humor verfügt – gepaart mit satt sauerländischem Dialekt. Leider hat sie gleich zu Beginn ein richtig fieser Lagerungsschwindel erwischt, sodass sie vieles nicht mitmachen kann und nur in Begleitung wenige Schritte bis zur Weser gehen kann – und trotzdem verliert sie ihre gute Laune nicht. Bewundernswert! So raspeln und schneiden und brutzeln wir unter Gelächter vor uns hin. Da uns die Bratlinge nach Rezept doch eher langweilig erscheinen, pimpen wir sie ordentlich mit Minze und Senf. Köstlich! Auch der Rest ist unfassbar lecker. Wir genießen das gemeinsame Essen mit allen Sinnen und wissen genau: so lecker wird es die nächsten zwei Wochen nicht noch einmal. Und nichts ist angebrannt und kein Finger verletzt, was für mich persönlich schon eine kleine Sensation ist.

Leider haben wir total vollgefressen – ich kann es nicht beschönigender formulieren – hinterher „Bewegungskompetenz“. Glücklicherweise ist es wieder der Therapeut von gestern, der das Entspannen so wichtig findet. So lauschen wir auf unseren Atem und dösen ein wenig weg. Dann möchte er uns noch den Segen der Progressiven Muskelrelaxation auf ganz besondere Weise demonstrieren, indem wir die ganzen Übungen nur auf einer Seite machen sollen. Rechtes Bein, rechter Arm, rechte Schulter geht ja noch, aber rechte Pobacke ist schwierig. Dann sollen wir wieder in uns lauschen und den Unterschied fühlen. Der Unterschied ist gewaltig. In Kombination mit den Migräne-Nachwehen und dem Medikament, von dem ich noch ordentlich einem im Trichter habe, laufe ich die nächste halbe Stunde konsequent vor Türrahmen, statt durch die Türen hindurch. Dumm gelaufen ist kein Ausdruck; also lieber noch ein Stündchen in netter Gesellschaft am Gradierwerk abhängen, bevor es – man beachte! - offiziell zur Progressiven Muskelrelaxation geht.

Wir freuen uns schon auf den Linda de Mol-Verschnitt und fragen direkt, ob wir nicht etwas anderes machen können. Die Dame findet das ausgezeichnet, dass wir eigene Meinungen und Wünsche haben und coacht uns ein wenig psychologisch. Überhaupt halte sie ja gar nichts von dem ganzen Entspannungszeug, sie mache das, weil die Kassen das so wollen. Im Grunde muss man die Muskeln fordern und den Körper bewegen, sich sozial mit Menschen, die einem guttun, austauschen und der Geist komme in einer Meditation ohnehin besser zur Ruhe. Sie appelliert an uns, nichts im Haus einfach hinzunehmen, außerdem alles für uns und unsere Gesundheit in der Reha einzufordern, denn dafür seien wir ja hier, und bloß nichts zu tun, weil „man das so machen müsse“.

Da hat sie Recht! Noch vor dem Abendessen gehe ich in den Supermarkt, decke mich nicht nur mit dem Üblichen ein, sondern zusätzlich mit einer Riesling-Steillage. Prost!

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