Mittwoch, 23. Mai

Veröffentlicht auf von Marie

Heute war ich ganz oben auf der Kletterwand. Bis zur Decke! Es war nicht einfach, dort hochzukommen, da mein linkes Knie so gar nicht mehr tut, was es ohnehin nicht besonders tut, aber mit straffer Seilzughilfe hing ich schlussendlich in 8 Meter Höhe an der Wand. Das Gruseln angesichts der Tiefe war deutlich geringer als beim letzten Mal. Auch das Loslassen klappte besser. Sollte hier tatsächlich ein Reha-Erfolg verbuchbar sein?

Der Tag begann nicht sonderlich erfreulich. So zerschlagen wie lange nicht mehr habe ich mich aus dem Bett gequält, zwei Koffeinbonbons eingeworfen und dann beide Knie mit Ultraschall bearbeitet. Ich bin immer wieder überrascht, wie prompt mein Knie-Inneres reagiert. Auch heute kann ich kaum laufen, es brennt inwärts ganz scheußlich; nach einer Stunde legt sich der Schmerz und dann geht es sich markant besser als zuvor. Genau in dieser Stunde ist das Bewegungsbad terminiert. Auf der anderen Seite trägt das Solewasser ganz gut und Fett tendiert eh nach oben. Diverse Hüpf- und Laufübungen sind heute an der Reihe. Das Becken ist eher auf Zwerge, Kinder oder sehr gramgebeugte Menschen zugeschnitten. Bei der etwas überdurchschnittlich großen Frau ist der Wasserspiegel stehend knapp über dem Bauchnabel. Die ganzen Hüpfereien sind für meine beiden Knie zu viel. Also nutze ich den Auftrieb, lasse mich bis zum Kinn ins Wasser sinken und versuche mit rechtwinklig gebeugter Hüfte und ebenso gewinkeltem Ober- und Unterschenkel irgendwie die Übungen frei nachzuimprovisieren. Schwierig bis unmöglich. Und wie so oft, gibt es für die aus unterschiedlichen Gründen technisch überforderten Menschen in unserer Gruppe keine Alternativen. Ich tue das, was meine Schüler auch tun: ich simuliere Beschäftigung und einen beteiligten Blick. Klappt.

In der „Bewegungskompetenz“ - gewohnt diktatorisch geleitet – machen wir etwas gruppendynamisch sicher Wertvolles mit Bällen und Tüchern. Da ich meine Knie etwas schone, bekomme ich prompt wieder einen Rüffel, dass ich an der rückengerechten Mobilität ja wohl noch zu arbeiten habe.

Da unser letztes psychologisches Gespräch vor den abschließenden Tests lag, bekommen wir noch einen 15-minütigen Zusatztermin, wobei ich ohnehin nicht umhin komme zu fragen, wieso eine ausdrücklich als psychologisch ausgewiesene Reha nur drei Einzeltermine enthält, einer zum Kennenlernen und erzählen, was so alles klemmt (wenn man denn reden darf), ein kurzes Feedback auf halber Strecke, in welchem die Testergebnisse mitgeteilt werden und ein Abschlussgespräch, in dem die Ergebnisse der Wiederholungstests besprochen werden. Sinnvoll ist das irgendwie alles nicht – aber das ist eine andere Geschichte.

Ich werde fröhlich mit den Worten begrüßt, dass das ja alles äußerst unschön sei mit mir. In sämtlichen Tests haben sich alle Werte signifikant verschlechtert. Ich grinse in mich hinein. Und jetzt will er es auf einmal genau wissen, der Herr Psychologe: er fordert meine Einschätzung der unterschiedlichen Behandlungen und schreibt alles säuberlich mit für die Akten. Ich versuche deutlich zu machen, dass das eigentlich gut sei, denn die Ergebnisse würden massiv dafür sprechen, dass ich zuhause alles ganz gut im Griff habe. Das Zuhause interessiere ihn nicht. Seiner diagnostischen Einschätzung nach hätte ich eine schwere Schmerzerkrankung. Ich nicke anerkennend, hatte ich ihm doch genau das in der ersten Stunde mitgeteilt und genau das steht auch in allen häuslichen Arztberichten. Er empfiehlt eine Psychotherapie, in der ich erst einmal meine Eheprobleme bearbeiten solle, was ich umso interessanter finde, da ich bei ihm nie über meine im Übrigen außerordentlich glückliche Ehe gesprochen habe. Im Grunde ist es wie bei Freud, wo das Nichtvorhandensein von etwas die Idee im Kopf des Therapeuten genauso bestätigt wie das Vorhandensein. Und dann könne ich ja im Anschluss eine Schmerztherapie machen, falls ich überhaupt einen Therapeuten fände, der bereit wäre, mich zu nehmen. Aber da ich nicht jammere, hätte ich wohl nicht besonders großen Leidensdruck. Und dass ich hier nichts für mich mitnehmen könne, bedauere er sehr und damit ist das Gespräch beendet.

Nichts mitgenommen? Ich bin so reich beschenkt worden, habe das Wandern schätzen gelernt, die Liebe zum Lauschen auf den Fluss entdeckt, meine Höhenangst ein Stück weit überwunden, unfassbar liebe Menschen kennen gelernt, bin am Leib und Seele entschleunigt und zur Ruhe gekommen. Das ist soviel mehr als „nichts“, aber lässt sich in Tests mit Kreuzchen-Malen nicht berechnen.

Unglücklicherweise haben wir diesen Menschen gleich anschließend noch einmal in der letzten Sitzung unserer Psycho-Gruppe. Obwohl wir drei Tage länger hier sind als im Programm vorgesehen, haben wir insgesamt zwei Gruppentermine zu wenig, was einmal mehr die Kompetenz der Therapieplanung zeigt. Im Grunde sind wir alle heilfroh darüber. So vergeht ein Teil der Stunde damit, dass der Psychologe laut überlegt, was man denn jetzt machen könnte, um die entgangenen Sitzungen nachzuholen. Er powerpointet in Windeseile durch dutzende Folien, fängt nirgendwo richtig an und beschließt nach einer Viertelstunde, uns zu fragen, was wir so wünschen. Das Echo ist verhalten. Er erklärt uns, wie wir zuhause einen Therapeuten finden können und welche Arten von Therapie es gibt. Die beste Art sei natürlich die Verhaltenstherapie, am meisten gäbe es jedoch tiefenpsychologisch fundierte Therapien, was sicher damit zusammenhänge, dass hier die Ausbildung billiger sei. Dann fragt er, welche Sitzung uns denn am besten gefallen hat; nun ja, seine waren es nicht. Dann schlägt er vor, dass jeder einen Brief an sich schreiben könne, den der dann in etwa einem Vierteljahr an uns schickt. Eine wirklich hübsche Idee. Er verteilt Papier und Umschläge, weist daraufhin, dass die Kugelschreiber zurückgegeben werden müssten, das sei alle so teuer; ein Exemplar mit Werbeaufdruck pro Mann/Frau dürften wir hingegen behalten. Ich pfeffere meinen Werbekuli in die Tüte zurück. „Brauche ich nicht“. Die anderen folgen meinem Beispiel. Dann sollen wir den Brief doch lieber später auf dem Zimmer schreiben, denn er sei jetzt sehr in Eile. Dass er für diese Art der Behandlung feudal von der Rentenversicherung bezahlt wird ist im Grunde skandalös– an weniger robusten Gemütern kann hier echter Schaden entstehen. Auch davon sind wir Zeuge gewesen.

Den Rest des Tages verbringe ich beim Gerätetraining, bei dem ich immer wieder voller Stolz auf die Kletterwand schaue, die ich heute zwar nicht elegant, aber selbstbewusst gemeistert habe. Ein wunderbarer Abendspaziergang rundet den ereignisreichen Tag ab. Vom Balkon sehe ich, wie fast jeden Abend, die Sonne hinter dem Berg versinken, das Wasser des Flusses sich schwarz färben und die ersten Sterne am Himmel erscheinen.

Erkenntnis des Tages: JA!

 

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