Freitag, 4. Mai

Veröffentlicht auf von Marie

Nein, große Erkenntnisse bringt dieser Tag nicht, aber mehr Ruhe und Frieden, als mir im Grunde meiner Partyseele lieb ist. Der Morgen begrüßt mich wie immer grausam; der blaue Himmel schliert vor meinen verquollenen Augen und so mache ich mich nach dem dürren Frühstück auf dem Weg zu dem jungen Chefarzt, der mir im Flur schon begegnet mit den Worten, er sei gerade unterwegs zu meinem Zimmer, um zu sehen, wie es mir heute so geht. Ich bin überrascht: der ist ja nicht nur nett und – by the way – extrem gut aussehend, sondern obendrein noch menschlich und fürsorglich. Ich frage, ob es eine Möglichkeit gäbe, die Klemmung an Atlas und oberstem Halswirbel zu richten. Er ist ehrlich genug zu sagen, dass er sich da nicht heran wagt. Es gibt noch einmal zwei Spritzen in die knirschenden Muskeln am Kopf. Dabei wage ich etwas Smalltalk, ob es nicht ganz schrecklich sei hier auf dem Land. Es seien nur drei Monate und die stehe er irgendwie durch. Die ganze Woche freue er sich auf den Freitag, wenn er wieder in die heimatliche Großstadt dürfe. Wir seufzen gemeinsam lang und tief. Für den Rest des Tages bin ich wieder sportbefreit. Hydrojet und Spazierengehen, das ist mein Programm. Und ich soll ordentlich Schmerzmittel nehmen, damit ich wenigstens etwas hier von dem Aufenthalt habe.

Eine doppelte Dosis Tropfen später wage ich einen Spaziergang. Weich und nachgiebig schmiegt sich der Asphalt an meine Füße. Der Horizont hängt etwa 5 Grad rechts zur Seite herunter. Ich schnüre zum Gradierwerk und lese dort in der Sonne sitzend etwa 200 Seiten eines Krimis. Nach dem Mittagessen (wie immer spärlich, aber heute richtig lecker) gibt es weitere 100 Seiten. Neben mich setzt sich ein hagerer, hoch aufgeschossener Endzwanziger mit zerzausten rötlichen Haaren. Typ britischer Weltenbummler. Wir lächeln uns an. Er zieht seine Schuhe und Socken aus und fängt an, intensiv zwischen seinen Zehen zu pulen. Unfassbar, was die Provinz mit einem anstellt! Ich flüchte an die Weser, setze mich auf die Stufen direkt am Wasser und schaue eine Stunde lang zu, wie Welle um Welle vorbeifließt, wie die Insekten auf dem Wasser tanzen, wie sich das Sonnenlicht bricht. Ich chille allumfassend, atme das Universum, umarme mich und das Göttliche in mir und der Welt – mir ist sterbenslangweilig.

Vor mir liegt noch ein ganzes Wochenende.

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