Donnerstag, 24. Mai

Veröffentlicht auf von Marie

Fassungslos, wütend, traurig. Weg ist sie, die gestrige Gelassenheit. Aber ich hätte mir denken können, dass der zahlende Hausherr dafür sorgt, dass die Ärzte schon das passende Ergebnis liefern, was dann Grund sein wird, dass der zahlende Hausherr künftige Erwerbsminderungsanträge ablehnen kann. Früher haben Tabakfirmen bei Ärzten Gutachten in Auftrag gegeben, dass Rauchen nicht schädlich sei. Und ich frage mich, passiert in diesen Reha-Einrichtungen nicht etwas Ähnliches?

Aber der Reihe nach: der Tag beginnt wie immer, Ultraschall während der Frühstückszeit, Bewegungsbad, bei dem unserer Gruppe durch diverse Rumtob- und Gegenseitig-Nass-Spritz-Aktionen mal wieder sehr die Geduld der Bälle-weg-Dame strapaziert, und danach die Progressive Muskelentspannung. Heute haben wir erstmalig den Hauspsychologen, der uns in dieser letzten von etlichen Sitzungen als Erstes erklärt, was diese Technik ist und wie sie funktioniert. Hallo? Sind wir Idioten? Dann stellt er fest, dass die Zeit für eine vollständige Entspannung jetzt nicht mehr reicht, es gäbe die verkürzte Form, weil er ohnehin wenig Zeit hat und pünktlich weg muss. Dass ich bei diesem Menschen keine Termine mehr habe, zählt zu den guten Dingen dieses Tages.

Die anschließende Abschlussuntersuchung führt die wuchtbrummige Ärztin durch, die mich auch aufgenommen hat. Zwischendurch habe ich sie kein einziges Mal gesehen, da war der Chefarzt zuständig. Wie es mir geht? Ich bin ehrlich: körperlich deutlich schlechter, aber insgesamt sei ich entschleunigt und ruhiger. Dass es mir schlechter geht, sei gut, denn das sei ein Zeichen, dass die Reha wirkt. Ich frage, auch noch nach einem Monat? Gerade dann. Ich beginne zu verstehen, geht es mir gut, hat die Behandlung geholfen, geht es mir schlecht, hat sie erst recht geholfen.

Die körperliche Untersuchung dauert geschätzte 23 Sekunden. Großzügig geschätzt. Sie haut mir dreimal auf den Rücken.

- Tut das weh?

- Ja.

- Können Sie mit den Fußspitzen den Boden berühren?

- Ja.

- Wir sind fertig, Sie sind vollkommen gesund.

Ich bin fassungslos, wage zu bemerken, dass Hypermobilität zwangsweise beweglich mache, aber Probleme anderer Art bringe. Das interessiert sie nicht. Offensichtlich will sie mich sehr schnell loswerden. Ihre Einschätzung? Ich sei voll arbeitsfähig mit mehr als 6 Stunden am Tag, allerdings ohne schweres Heben. Ich frage nach, ob ihr klar sei, dass ich schwere Schmerz-Schübe habe und Migräne. Das sei ja nichts, ist die Antwort. Ich versuche eine Brücke zu bauen, dass eine Orthopädie vielleicht auch nicht der ideale Behandlungspartner sei für eine neurologische Erkrankung. Unwirsch fährt sie mir dazwischen. Fibromyalgie sei nicht neurologisch, sondern – wenn überhaupt – eine orthopädische Erkrankung. Ich gebe Kontra: in der Rheumaklinik Baden-Baden sei ich in der Patientenschulung aber anders informiert worden. Ach, die Rheumaklinik, auch so eine Methode, schnelles Geld zu machen mit so einer sogenannten Krankheit. Ich schnappe nach Luft, versuche es anders und erkläre ihr, dass ich etwa 10 schwere Migräneattacken im Monat haben. Migräne sei ihrer Einschätzung nach kein Grund, der Arbeit fernzubleiben. Ich werde laut: wie sie zu dieser Einschätzung käme? Sie sowieso nicht, sie gibt nur die Anweisung des Chefarztes weiter. Ich frage sie, wie um Himmels Willen ich in meinem Zustand dauerhaft einen Lehrer-Fulltime-Job machen soll. „Sie können ja kündigen“ ist alles, was ihr dazu einfällt. Sie nimmt ihr Telefon in die Hand und ich bin nicht sicher, ob sie eine Krankenschwester, den Chef oder den Sicherheitsdienst rufen will. Hier habe ich verloren. Aber eines interessiert mich noch. „Warum haben Sie mich auf Diät gesetzt?“ Habe sie nicht. Habe sie doch! Ich habe schriftlich von ihr, dass ich nur 60 Gramm Fett am Tag zu mir nehmen darf. Sie lacht spöttisch. „Daran haben Sie sich gehalten? Selbst Schuld!“

Ich verlasse den Raum, kämpfe mit den Tränen, heule anschließend 20 Minuten in die Moorpackung und weitere 10 Minuten in ein ohnehin versalzenes Mittagessen, auf das ich keinen Hunger habe. Erst da fällt mir auf, dass die Ärztin mein verunfalltes Knie, wegen dem ich ja eigentlich hier bin, überhaupt nicht untersucht hat. Auf meinem Plan stehen noch „Bewegungskompetenz“ und Gerätetraining. Ich lasse mich entschuldigen und verbringe die nächsten Stunden im Bett. Passend dazu herrscht draußen Dauerregen. Ich will nur noch nach hause. Mein wundervoller Ehemann rät mir am Telefon dringend, die zwei Tage noch durchzustehen.

Abends hat unsere Gruppe in der Kneipe gegenüber einen Tisch reserviert. Seit Tagen freue ich mich darauf. Jetzt kaue ich lustlos auf ein paar Tomatenstückchen herum und kann so gar nicht fröhlich sein. Wie schön, dass es diese liebevollen, einfühlsamen Menschen gibt. Hier fühle ich mich verstanden, akzeptiert, getragen. Noch 38 Stunden, dann bin ich zuhause.

Erkenntnis des Tages: Diagnosen kann man kaufen.

 

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