Donnerstag, 17. Mai

Veröffentlicht auf von Marie

Na gut, das habe ich jetzt eigenhändig verbockt. Dass Therapeuten und Ärzte sich untereinander austauschen und dass bei Fallbesprechungen über einzelne Patienten geredet wird, ist eigentlich klar. Und den von ärztlicher und psychologischer Seite geäußerten Verdacht, meinem Knie und Kopf gehe es nur deshalb schlecht, weil ich Bewegung nicht gewöhnt sei, locker zu entkräften, indem ich ganz wahrheitsgetreu plaudere, dass ich mich zuhause deutlich mehr bewege als hier: dass dieser Schuss nach hinten losgehen kann, hätte ich mir denken können. Erst denken, dann reden – wieso ist das so schwer für mich?

Um 7 Uhr heute morgen hatte ich den ersten Termin: Krankengymnastik. 7 Uhr! Das bedeutet hier im Haus: noch vor dem Frühstück. Etwas verquollen schleiche ich in den Therapiekeller und freue mich auf ein halbes Stündchen mobilisieren und kneten. Weit gefehlt! Freudestrahlend begrüßt mich die Bälle-weg-Esoterik-Therapeutin mit der Ankündigung, dass ich gerne mehr Bewegung haben kann, wenn ich das so wünsche und den Ärzten gegenüber äußere. Und los geht es. Für meine Oberschenkelmuskulatur hat sie eine Serie von Kraftübungen zusammen gestellt, die von exquisiter Gemeinheit sind. Mal ausruhen oder einen kleinen Plausch veranstalten, das klappt heute gar nicht, denn auf dem Grund der esoterischen Seele lagert noch ein kleiner Rest Boshaftigkeit. Oder nennt man das Karma? Gnadenlos werden 30 lange Minuten die Übungen durchgezogen bis die Muskeln wimmern. Und das alles auf nüchternem Magen. Ich wanke mit zitternden Beinen zum Frühstück.

Dort staune ich ein weiteres Mal über das Ernährungskonzept. Das Bircher Müesli mit frisch geraffelten Äpfeln ist mit dem roten Warnschild gekennzeichnet. Hier tummeln sich unfassbare sechseinhalb Fettpunkte auf einem Esslöffel. Die völlig überzuckerten Dosenpfirsiche daneben sind mit gelbem Schild und ohne Fettpunkte gekennzeichnet. Die Doppelmoral der Küche lautet: Kaffee mit Zucker und Dosenobst gleich fettfrei gleich gesund. Haferflocken mit Joghurt und frischem Obst gleich ungesund. Ich entscheide mich fröhlich für ungesund. Kaum sitze ich, kommt die „Muschkel“-Frau an unseren Tisch, reißt zunächst ein paar Witze und weist mich dann als Ernährungsfachfrau darauf hin, dass die Kombi von frischem Obst und Milchprodukten beziehungsweise Getreide gar nicht geht, das sei fürchterlich ungesund für die Leber wegen irgendwelcher ungesunder alkoholischer Gärprozesse. Herrje! Inzwischen glaube ich, dass ein Frühstück aus schwarzem Kaffee und einer Zigarette nach Klinikmaßstab wohl die gesündeste Alternative ist.

Mittelmäßig geladen gehe ich ins Schwimmbad. Dort geht es weiter zur Sache. Die Zeiten zu Beginn der Reha, in denen ich nach 10 Minuten Gymnastik gefroren habe, erscheinen mir golden verklärt. Und so komme ich – angeregt durch die Frühstücks-Obst-Diskussion – auf die Idee, das Wasser in meiner blauen Trinkwasserplastikflasche mit ein wenig Riesling anzureichern. Denn die Psycho-Gruppe steht mir ja noch bevor.

Kaum habe ich den Gruppen-Raum betreten fällt mir ein, dass ich die schriftliche Aufgabe, die wir hatten, komplett vergessen habe. An sich bin ich ja total penibel in diesen Dingen, aber mit dem Verlassen des Raumes nach der letzten Stunde ist diese Aufgabe meinem Hirn zur Gänze entfleucht. Und erst jetzt fällt es mir siedend heiß wieder ein. Ich melde mich, gestehe meinen Fehler und leiste im Geiste Abbitte an alle meine Schüler, denen ich das „hab ich vergessen“ nie so ganz glauben konnte. Die junge, nette Therapeutin ist sehr verständnisvoll, sie habe sogar damit gerechnet, dass nicht alle vorbereitet seien.

Heute sollen wir den Verbrauch unserer inneren Energie an einem normalen Arbeitstag in einem Tortendiagramm darstellen. Ich bin maximal überfordert, denn ein schnödes Diagramm und die mathematische Berechnung von Lebens-Energie, das geht für mich gar nicht. Ich kann doch nicht eine Stunde Klausurenkorrigieren gegen eine Stunde gute Gespräche aufrechnen? Selbst der Riesling hilft mir da nicht mehr weiter. Und das ideale Diagramm zeichnen kann ich auch nicht, denn die Welt ist nicht ideal. Irgendwas ist doch immer. Ich kritzle was aufs Papier und tue beschäftigt.

Dafür bietet die „Bewegungskompetenz“ bei der diktatorischen Dame eine Überraschung. Dass nach ihrer letzten Nummer unsere Gruppe zur Hälfte lazarettreif war, hat ihr offenbar einen Rüffel von höherer Stelle eingebracht. Die angekündigte Ganzkörpergummibandverschnürung, damit wir mal so richtig unsere Muskeln zum Arbeiten bringen, entfällt ersatzlos, dafür dürfen wir auf den Matten liegen und ganz sanft unsere Knie nach rechts und links schwenken. Dann kommen im Liegen noch ein paar minimale Dehnungen, die ich nutze, um ein kleines Nickerchen zu machen, denn die Sonne scheint durchs Fenster so hübsch und wohlig auf meinen Bauch. Die Rieslingschorle dürfte hier auch eine Rolle spielen. Danach geht es noch zur Progressiven Muskelentspannung, dieses Mal von der jungen Therapeutin so sensibel und sanft geleitet, dass ich fast nahtlos mein Mittagsschläfchen fortsetze. Irgendwie bin ich erschöpft.

Am späten Nachmittag setze ich mich noch eine Stunde auf den Bootssteg am Fluss. Ich habe ein Buch dabei, aber schaue nur aufs Wasser, das an mir vorbeifließt. Die bewaldeten Hänge gegenüber und der knallblaue Himmel spiegeln sich in der kräuseligen, grünbraunen Wasseroberfläche. Die Vögel zwitschern und ein frischer Wind zaust durch das Gras. Diese Landschaft tut der Seele gut. Und um das festzustellen, muss ich nicht in einem muffigen Zimmer ein Tortendiagramm ausfüllen.

 

Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren:
Kommentiere diesen Post