Dienstag, 8. Mai

Veröffentlicht auf von Marie

Entspannung kann total anstrengend sein. Und heute kam alles, was die Einrichtung an diversen Angeboten hat knüppeldick und auf einen Schlag. Der Morgen beginnt noch recht locker im Bewegungsbad, angeleitet von der Dame, die uns gestern die Bälle weggenommen hat und auch diese Einheit mit gebührender Ernsthaftigkeit absolviert. In der „Bewegungsgkompetenz“ direkt danach gibt es schon wieder einen neuen Physiotherapeuten, der statt auf Bewegung, heute mal auf Entspannung setzt. Auf dem Boden liegend atmen wir in die rechte Hüfte, in die linke Schulter und zeichnen ganz kleine Kreise mit der Nasenspitze. Seine tenoral salbungsvolle Stimme lässt den ein oder anderen aus der Gruppe noch etwas Schlaf nachholen, wie dann nicht zu überhören ist. Ein kurzer Besuch beim Chefarzt schließt sich an, da mein Knie heute morgen beim Aufstehen sich weigerte, mich zu tragen. Schmerzmittel, Kälte, Schonung ist die Empfehlung und der Therapieplan würde angepasst. Ich humple zur Progressiven Muskelentspannung, heute von einem Herrn durchgeführt, der lange Vokale und langgezogene M- und N-Laute zelebriert. Überhaupt ist die langsame, eintönige Sprechweise sehr.......... Da ruft auch schon das Mittagessen. Sehr sorgfältig untersuche ich den Blätterteig: alles gut durch, also essbar.

Die „Sensomotorik“ hatte ich in der letzten Woche verpasst. Die Anderen in der Gruppe konnten nicht so recht beschreiben, was da los war. Irgendetwas mit Bewegung und Musik, aber eher frei. Ich bin mittelschwer neugierig. Geleitet wird das Ganze von der Bälle-weg-Physiotherapeutin, die bei dieser Gelegenheit eine gänzlich andere Seite ihre vielschichtigen Persönlichkeit zeigt. Eine Stunde lang tauschen wir uns erst gebend und nehmend mit dem Universum aus, begrüßen das Kind in uns und tanzen Lemniskaten, während im Hintergrund eine pseudo-meditative und unfassbar dämliche Musik läuft. Die Bälle-weg-Dame macht begeistert mit und reckt ihre unrasierten Achseln gen Universum. Das Ganze findet im Psychologie-Gruppenraum statt, dem traurigsten Raum im architektonisch ohnehin nicht gesegneten Ambiente der Klinik. In die grün-grau-melierte Auslegeware ist der Schmutz von Jahren hineingetreten, die Decke ist flach mit verdreckten, leicht vergilbten Platten abgehängt, alles ist eng und dunkel. Obendrein gehen die wenigen Fenster direkt zum Nebenausgang, vor dem ein einladendes Ensemble von Tischen und Stühlen steht; hier ist immer etwas los, sodass bei intensiv geistiger Arbeit die Fenster des recht kleinen Raumes geschlossen bleiben sollten. Ich leide zunehmend an Enge, Sauerstoffmangel und den im Raum verteilten Matten, die abgestandenen Fußschweiß ausdünsten.

Die Dame habe ich direkt im Anschluss noch in der Krankengymnastik. Sie erzählt mir gleich begeistert von irgendeinem Esoterik-Workshop. Was sie mit den Händen anstellt, ist jedoch fantastisch. Schnell ist sie an der Halswirbelsäule angelangt und arbeitet sich an dieser entlang. Da verzeihe ich ihr auch gerne die geruchsintensiven Lemniskaten. Am Ende verabschiedet sie mich mit dem Hinweis, dass meine Migräne verschwinden wird, wenn ich einfach nur positiv denke. Gut, dass ich das jetzt auch weiß. Am Ende des Tages erwartet mich noch der Hydrojet, mit dem ich inzwischen bestens befreundet bin. Ein nettes Gruppengespräch auf einer Bank an der Weser bei Sonnenuntergang lässt den Tag ausklingen.

Ich kann immer noch nicht richtig laufen, bin aber entspannt im Hier und Jetzt. Ob sich das bis zur Migräne herumspricht?

 

Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren:
Kommentiere diesen Post