Dienstag, 22. Mai

Veröffentlicht auf von Marie

Ein schwieriger Tag. Der gestrige Bewegungsmangel hat eine Nacht mit heftigen Hüftschmerzen zur Folge. Stundenlang wälze ich mich, um eine schmerzfreie Position zu finden. In den Morgenstunden schlafe ich endlich ein. Als der Wecker klingelt quäle ich mich zum Frühstück. Bereits um 8 Uhr erwartet mich – ungeduscht – die Ultraschall-Behandlung; und wieder einmal habe ich direkt im Anschluss Power Walking, dabei soll ich doch ausdrücklich nach der Behandlung für etwa eine Stunde mein Knie schonen. Ich frage ganz lieb, ob ich statt Walking im Gerätetrainingsraum eine Stunde lang Pilates auf der Matte machen darf – kein Problem. Ich habe meine Stachelmatte dabei und lege mich gemütlich darauf nieder und übe kreuz und quer, was so an knieschonenden Dingen in meinem Gedächtnis hängen geblieben ist. Es dauert nicht lange und die aufsichtführende Physiotherapeutin bekundet Interesse. Insbesondere die Stachelmatte hat es ihr angetan und so tauschen wir die Rollen.

An der Rezeption hake ich seit mehr als einer Woche täglich nach, ob die Platzreservierung für die Rückreise, die aufgrund des verschobenen Termins erneut notwendig ist, endlich da sei. Heute habe ich Glück. Dafür gibt es ein Problem mit dem Antrag für die Reha-Nachsorge, die ich mich zu unterschreiben geweigert habe, da die Diagnose unvollständig ist. Ausgerechnet das verunfallte Knie, dessentwegen ich eigentlich hier bin, ist vergessen worden. Ich werde in die Verwaltung geschickt. Das sei jetzt halt so im Computer, erklärt man mir. Und als ich nachfrage, ob das im Abschlussbericht dann auch fehlen würde, werde ich zurecht gewiesen, natürlich nicht, das machen dann die Ärzte. Als ich nochmal nachbohre, ob diese nicht die Daten im Computersystem zur Grundlage nehmen würden, ernte ich ein paar verdruckste ähm, also, ähm, vielleicht. Man schickt mich zum Chefarzt. Der versteht das Problem nicht, aber macht es halt, weil ich so nerve. Dann schickt er mich wieder in die Verwaltung. Vielleicht bin ich übervorsichtig und misstrauisch, aber den technischen Abläufen hier traue ich nur noch sehr bedingt.

Anschließend geht es zur „Bewegungskompetenz“ bei der Bälle-weg-Dame, die heute ganz mutig eben diese Bälle wieder an uns verteilt. Wir benehmen uns recht ordentlich und bemühen uns alle im Rahmen unserer naturgemäß eingeschränkten Möglichkeiten. Ich wage schüchtern anzumerken, dass es heute bestimmt keinen Grund gäbe, uns die Bälle wegzunehmen. Die Dame reagiert erschrocken: keineswegs habe sie uns die Bälle wegnehmen wollen, weil wir uns etwas ungezogen verhalten haben, nein, das sei lediglich der Überforderung geschuldet, weil das Training ja doch recht anspruchsvoll sei. Es ist unsere letzte Stunde bei ihr und sie erhält als Gemeinschaftsgeschenk von uns einen hübschen Hibiskus mit einer netten Karte, die sie echt zu rühren scheint.

Als ich dann in der Krankengymnastik vor ihr auf dem Behandlungstisch liege, ist es mit der Rührung schnell vorbei. Sie habe mich vorgestern gesehen, am Spätnachmittag mit Walking-Stöcken, kurz vor der Klinik. Warum ich das überhaupt mache, wenn ich doch so verkniffen beim Wandern aussehen würde? Ich versuche ihr zu erklären, wie die Kombi aus gesperrtem Weg, verlaufen, kaum Wasser dabei, steile Straßen und stundenlangem Unterwegssein zweifellos zu gewissen fazialen Ermüdungserscheinungen geführt habe. Sie kontert, dass sie es höchst interessant fände, wie ich hier schon wieder Ausreden zurecht legen würde. Ich möge doch einfach mal weniger bis gar nichts tun. Und wieder halte ich dagegen, dass die Schmerzen dadurch verstärkt würden und tägliche Bewegung helfen würde, mit deutlich weniger Schmerzmitteln auszukommen. Das würde ich ja wohl recht eng und einseitig sehen. Gerade ich, als Waldorflehrer, und was dann folgt an langem und sicher unerfreulichem Sermon habe ich einfach ausgeblendet und mich auf das konzentriert, was die Dame mit ihren unfassbar begabten Händen anstellt. Dass sie mich und meine Krankheit nach vier Wochen Einzelbehandlung so wenig versteht, dazu fällt mir echt nichts mehr ein.

Inzwischen hat es sich draußen zugezogen, der Himmel versiegelt das Tal mit einer graugelben, stumpf metallischen Wolkendecke. Das Atmen fällt schwer und die feuchte Schwüle drückt auf das Gemüt. Alle sind erschöpft und latent übellaunig.

Eine Dusche, ein matschiges Mittagessen, eine Hydrojet-Behandlung und einen erfolglosen Versuch eines Mittagsschläfchens später haben wir zum letzten Mal die Progressive Muskelentspannung bei der lustigen „Muschkel“-Dame. Auch für sie haben wir ein Geschenk vorbereitet – außer den beiden Damen bekommt sonst kein Therapeut etwas von uns, so haben wir es ohne große Diskussion und sehr einhellig beschlossen. Auch sie ist sehr gerührt, versucht dann, irgendwie die Behandlung durchzuziehen, aber niemand von uns ist motiviert, auch Madame „Muschkel“ nicht. So setzt sie sich hin und plaudert wieder aus dem psychologischen Nähkästchen. Einmal mehr plädiert sie flammend dafür, uns nicht zu verbiegen. Wer von Natur aus perfektionistisch oder ungeduldig ist, könne sich das niemals komplett abtrainieren; das sei vollkommener Blödsinn. Wichtig sei, positiv damit zu arbeiten. Jeder, der unsere Psyche ändern wolle, übe Gewalt aus – das gälte auch für Psychologen. Unsere Aufgabe läge eher darin, uns noch mehr zu bestärken in dem, was wir im Keim sind. „Ihr alle seid perfekt; jeder auf seine Weise“. In ihren Worten liegt soviel Engagement und Herzblut, dass ich auf einmal massiv mit den Tränen kämpfe. Aber das kann auch am Wetter liegen.

Die anschließende Psycho-Gruppe, auf die wir eigentlich nie besonders Lust haben und heute schon doppelt nicht, wird erstaunlich rund. Ein älterer Herr, der uns bislang nur einmal in der Entspannungsgruppe angeleitet hat, führt mit Verve, Humor und ganz viel warmherziger Lebenserfahrung durch die Fragestellung, was Salutogenese ist und wie man sie fördern kann. Seine geschult sonore Stimme ist ein Genuss. Am Ende bietet er uns noch eine kurze Phantasiereise an. Leider im Sitzen, denn jetzt fordert der fehlende Schlaf massiv seinen Raum.

Am Abend kühlt es ab; die Sonne ist als gelbgrün leuchtender Fleck hinter den Wolken ahnbar. Meine abendliche Runde entlang der Weser erfrischt den müden Geist. Über dem Fluss schwirren Unmengen von Insekten, ab und zu springt ein Fisch in der nach wie vor drückenden Stille.

Motto des Tages: ich bin. Und wer das nicht sieht, ist selbst schuld.

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