Dienstag, 1. Mai

Veröffentlicht auf von Marie

Und dann ist noch die Brüheinheit kaputt! Aber der Reihe nach. Der Tag begrüßt mich nach schlafarmer Nacht gewohnt grausam. Eine Stunde brauche ich vom Bett in die Dusche in die Klamotten. Ich überlege sogar, das Frühstück ausfallen zu lassen, aber ein Tagesbeginn ohne Magerjoghurt (böse) und frischen Obstsalat (auch böse)? Nee. Danach erfolgt mein obligatorischer täglicher Gang zu jemandem, bei dem ich mich beschweren kann. An der Rezeption heuchelt die Dame Verblüffung. Da sei nichts passiert? Sei ja auch schwierig, so am Feiertag. Ich werde deutlich, fordere einen Termin beim Beschwerdemanagement und stelle in Aussicht, abzureisen und den Versicherungsträger zu informieren. Mein Zimmer erreiche ich zeitgleich mit einer resoluten Dame vom Hausservice. Die untersucht meine Schlafstatt und stellt kundig fest, dass ich eine andere Matratze brauche. Und dann schimpft sie mich aus, dass es eine Frechheit sei von mir, damit ausgerechnet am Feiertag zu kommen, das hätte ich ja auch früher sagen können. Ich lasse sie genüsslich ausreden und breche strategisch gekonnt in Tränen aus. Ich hätte so oft um Hi-hi-hilfe gebe-he-he-ten, schluchze ich und treffe zielsicher die Mutterinstinkte der resoluten Dame. Sie klärt mich auf, dass ohne ärztliche Anordnung leider keine Matratze ausgetauscht werden darf und heute sei keine Sprechstunde. Ist wirklich kein A-ha-harzt da? Doch, der Bereitschaftsdienst natürlich. Sie gibt sich einen Ruck, schickt mich zum Schwesternzimmer und bittet inzwischen per Telefon darum, den Arzt anzupiepsen. Im Schwesternzimmer versteht man die ganze Aufregung so gar nicht, erkennt aber doch, dass ich – vor 6 Tagen relativ gesund angereist – inzwischen knapp krankenhausreif bin. Man verspricht mir, das Problem noch heute zu lösen. Meine Muskeln und mein Rücken schmerzen so erheblich, dass ich auf mein Notfall-Schmerzmedikament zurückgreife. Denn einen Notfall habe ich jetzt definitiv. Da ich zwar entsetzlich müde bin, aber nicht liegen kann, mache ich einen kurzen Spaziergang. Das Wetter dräut herbstlich, der Wind pfeift eiskalt, aber die Schmerzen lassen nach und in meinem Kopf breitet sich der bekannte, mir immer etwas unangenehme wattige Medikamentennebel aus.

Zurück auf meinem Zimmer kommt schon bald die resolute Dame und müht sich redlich mit der dicken, schweren Matratze. Eine ungeliebte Arbeit, die keiner gerne mache und die deshalb immer gerne mal vergessen oder verschoben würde. Meine neue Matratze ist wohl für ein deutlich kleineres Bett gedacht. Zwischen der fest an der Wand montierten Umrandung und der Matratze klafft eine erhebliche Lücke; die dünnen Decken, die ja jetzt überflüssig sind, bieten eine praktikable Lösung. Ich lege mich probeweise hin – es scheint zu funktionieren.

Gegen Mittag klart es auf. Da ich nichts zu tun habe, plane ich die nächste Wanderung. Ein angeblich sensationeller Aussichtspunkt befindet sich in knapp drei Kilometer Entfernung. Das sollte ich schaffen. Mit Stöcken und Handschuhen – es ist echt kalt – mache ich mich auf den Weg. Ich kreuze die Weser und gehe ein Stück an ihr entlang bis ich an eine Wegkreuzung gerate. Hier ist alles bestens ausgeschildert, auch der Aussichtspunkt, der auf zwei unterschiedlichen Wegen erreichbar ist: einmal mit 2,4 Kilometern notiert und auf einem anderen, etwas verwitterten Schild mit 0,8 Kilometern. Der leicht drogenvernebelte Flachlandwestfale in mir entscheidet sich ebenso zielsicher wie ahnungslos für die kurze Strecke. Der Weg führt zunächst über ausgewaschene Treppen nach oben, wird immer schmaler und zieht sich zunehmend spektakulär am Steilhang entlang. Irgendwann endet der Weg an einem großen Haufen umgestürzter Bäume und ausgerissener Baumwurzeln. Ich denke nach und habe wenig Lust umzukehren, scheinen mir doch die angegebenen 0,8 Kilometer beinahe erreicht. Ich binde mir die Walking-Stöcke an den Rucksack und ziehe meine Handschuhe aus, da mir jetzt reichlich warm ist. Die Hindernisse überwinde ich nicht elegant, aber doch effektiv. Kurz darauf liegt ein riesenhafter Baum quer. Unten drunter ist kein Platz, die Oberseite ist selbst mit ausgestreckten Händen nicht zu erreichen, es gibt auch keine Seitenäste. Links fällt eine Felswand steil hinunter, also krieche ich rechts den Steilhang hinauf, um mich durch das Wurzelwerk zu quetschen. Der Weg auf der Rückseite hinunter ist wesentlich schwieriger, da ein Abrutschen zweifelsohne üble Folgen hätte. Auf allen Vieren erreiche ich wieder den Weg, der inzwischen so nah am Abhang vorbeiführt, dass ich das linke Auge zudrücke, damit mir nicht schwindlig wird. Umkehren kommt jetzt nicht mehr in Frage, zumal ich in kurzer Entfernung schon Autoverkehr höre.

Am Ende des Weges erreiche ich ein Stahlrohrgeländer mit einem Schild darauf, dessen Rückseite ich natürlich nicht lesen kann. Ich klettere über das Geländer und drehe mich neugierig um: das Betreten des Weges ist wegen Lebensgefahr verboten. Außerdem wird vor Schlangen gewarnt. Mir wird ganz weich in den Knien. Warum steht dieses blöde Schild nicht unten am Eingang des Weges? Die Aussichtsplattform ist tatsächlich spektakulär: Ein Gitterrost hängt am senkrechten Felssturz, unter den Füßen 80 Meter Luft. Allein der Anblick vom sicheren Fundament aus verursacht mir ungut dissonantische Verwirbelungen in der Magengegend. Ich wage einen halben Schritt – und gebe auf. Von der vielgerühmten Aussicht ist auf meinem sicheren Platz rein gar nichts zu sehen. Auch gut. Ich kehre um. Und nehme zurück die sichere Straße. Den ganzen Rückweg freue ich mich auf einen fetten After-Eight-Latte-Macchiato und eile beflügelt in das Klinik-Café. Dort teilt man mir mit, dass die Brüheinheit leider kaputt sei, man habe aber auch sehr leckeren Tee. Nein, danke. Auf meinem Zimmer entdecke ich, dass auf meiner Jacke zwei Raupen fröhliche Hochzeit feiern. Mein Bedarf an Natur ist für heute gedeckt.

Abendplanung: Fernsehen und Lakritze.

Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren:
Kommentiere diesen Post