Vier Jahre Später, 25. April 2018

Veröffentlicht auf von Marie

Ziemlich genau vier Jahre sind seit meiner letzten Reha vergangen. Vier Jahre, in denen das linke Knie nicht stabil, aber alltagstauglich ist, die Migräne nach wie vor sehr quält und eine neurologisch bedingte chronische Schmerzerkrankung das Sahnehäubchen bildet. Eigentlich wollte ich ja nie, nie wieder, aber seit der wundervollen Reha meines Göttergatten habe ich Hoffnung, dass ich vielleicht dieses Jahr mehr Glück haben könnte. Erstaunlich schnell wurden mir vier Wochen genehmigt. Und so bin ich heute morgen bei strahlendem Sonnenschein aus dem sommerlich warmen Heidelberg aufgebrochen. Die Bahn machte auf der Hinfahrt, was sie gerne macht: ausgefallene Züge und verschwundene Sitzplatzreservierungen, während der Weg unerbittlich in Richtung Weserbergland ging. Der Bahnhof des Reisezieles entpuppt sich als ein verrammeltes Häuschen im Nirgendwo. Eine schmale, schlecht asphaltierte Straße führt vorbei. Ansonsten Natur. Die Klinik hat meine Ankunftszeit auf einem Formblatt mitgeteilt bekommen; telefonisch versprach man mir selbstverständlich den obligatorischen Abholdienst. Außer mir ist niemand ausgestiegen, keine Menschenseele weit und breit. Gegenüber ist eine einsame Bushaltestelle. Den Fahrplan überdeckt ein säuberlich eingeschweißter Zettel mir der Info, dass der Busverkehr seit Januar eingestellt ist. Es regnet. Während ich noch die Situation überdenke, nähert sich ein Auto mit einer fröhlich aussehenden Asiatin am Steuer. Spontan springe ich auf die Straße und halte sie an. Wo denn die Klinik sei? Ah, sie komme von Einkaufe und mich bringe. Kein Problem.

Die Klinik ist ein Soleheilbad in einem winzig kleinen Ort; früher war das Zonenrandgebiet, heute ist es nicht mal mehr das. Im Internet fand ich Hybrides: Bewertungen, die die ganze Bandbreite abdeckten und erstaunlich wenige Fotos. Vor der Klinik stehend verstand ich den Grund. Offensichtlich in den frühen Siebzigern etwas zu schnell hochgezogen verspricht die Klinik grandiose Aussicht von innen nach draußen; andersherum eher nicht. In den kommenden Jahrzehnten wurde divers angebaut und angestückelt in einer Stilistik, die – nun ja – bestenfalls als homogen zu bezeichnen ist. Innen erwartet mich altdeutsches Ambiente mit muffig-dunklen Samtfauteils vor dunklem Pseudo-Holz-Fachwerk aus Laminat. Immerhin gibt es viel Landschaft.

Beim Einchecken stellt sich heraus, dass meine Koffer noch nicht da sind. Und im Koffer sind natürlich sorgfältig verpackt etliche groß dimensionierte Röntgenbilder samt sonstiger ärztlicher Unterlagen. Prompt kassiere ich den ersten Anschiss. Keine Unterlagen, kein Arzttermin – und erst einmal Pause. Aber das kann man sich auch als „Ankommen“ schönreden. Griffbereit habe ich immerhin das gestern abgeholte, nahezu tagesaktuelle Blutbild, aber das interessierte nicht, denn Labor machen sie selbst. Warum denn im Klinikbrief stand, dass ich aktuelle Werte mitbringen soll? Ja, das sei so Standard. Mist! Die Fernbedienungen für den Fernseher sind leider auch aus. Mist-Mist!!

Immerhin hat die Küche auf meine Mail sauber reagiert und mich als laktosefreien Vegetarier einsortiert. Das Mittagessen findet auch schon in der zehnköpfigen Bezugsgruppe statt. Überhaupt bin ich wieder in einem Programm gelandet, das ganz viele Fachdisziplinen verbindet und alles findet vier Wochen lang mit denselben Menschen statt. So nutze ich das Essen, um neugierig die diversen gesundheitlichen Probleme meiner Mitstreiter und deren Neigung zum Humor zu checken. Fast alle tragen den Wohlstand sichtbar vor sich her. Selbst ich als Laie ahne, dass orthopädische Probleme staturbedingt nicht ausbleiben können. Ich bin – man ahnt es – eine der Älteren und die einzig Sportliche in der Runde gemeinsam mit einer fröhlichen Dame und einem drahtigen Herrn meines Alters, der stolz ein Borussia-Shirt trägt. Ich frage ihn auch gleich, ob er aus Dortmund kommt. Nee, das ist Borussia Mönchengladbach, lautet die verkniffene Antwort. Diese Freundschaft habe ich gleich zu Beginn verscherzt. Ansonsten sind alle recht verkrampft, was aber der Situation geschuldet ist. Am Buffet gibt es vertrocknete Radieschen-Stifte mit sehr traurigem Salat. Auf meinem Teller liegen drei kleine Scheiben eines Serviettenknödels in wässriger Sauce. Das ist alles vegetarisch und ebenso laktose- wie geschmacksfrei. Der Knödel hat reichliche Anteile eher antiken als alten Brotes und ist mit seiner knatschend-hartgummiartigen Konsistenz eine echte Herausforderung. Als Nachtisch gibt es Glibberpudding auf Erdbeeraroma-Basis – ich vertilge alle am Tisch übrig gebliebenen Desserts.

Anschließend gibt es gleich den ersten offiziellen Reha-Termin: eine gemeinsame Information durch die Diät-Assistentin. Beredt erläutert sie das Klinikkonzept: alles hat hier Fettpunkte und jeder sollte sich an die ärztlich festgelegten Fettpunkte-Werte halten. 1 Gramm Fett gleich 1 Punkt. 60 bis 65 pro Tag, mehr sollten es nicht sein. Jedes Lebensmittel ist hier kategorisiert nach dem Ampel-Prinzip, und da es auch gute Fette gibt, gibt es zusätzlich Smileys oder ganz entsetzlich traurige Emojis auf den Infos zu jedem Gericht. Die anderen in der Gruppe ringen betreten ihre gepflegt-fülligen Händchen vor den üppigen Rundungen, mich fällt ein Entsetzen anheim. Vier Wochen knatschende Knödel mit depressivem Salat? Am Ende bekommen wir ein Heft, auf dem dick „Fettpunktekonto“ steht. Hier können wir ja eintragen, was wir so zu uns nehmen. Nur so zur Kontrolle. Spontan entschließe ich mich zu einer Sahnetorte im hauseigenen Klinikcafé.

Das Café setzt nahtlos das altdeutsche Ambiente fort, hier jedoch recht gelungen. Dass die Torte kurz nach dem Mittagessen schon fast komplett ausverkauft ist, verwundert mich jetzt nicht. Der Espresso ist frisch und italienisch gebrüht. Hier lässt es sich aushalten. Warm angezogen pfeift mir zwar der Wind um die Ohren, aber die Sonne wärmt. Ein Spaziergang an der Weser entlang zum Gradierwerk tut Auge und Beinen gut.

Abendessen: 8 Fettpunkte. Im altdeutschen Foyer volkstümelt ein Alleinunterhalter in Seniorenlautstärke. Aber die Koffer sind da!

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