Sonntag, 29. April

Veröffentlicht auf von Marie

Aufwachen mit Schmerzen. Bein, Rücken, Hüfte, Nacken, Kopf – alles jammert und sticht und hämmert nach einer weiteren Nacht im Folterbett. Auf dem Weg zum Frühstück gehe ich an der Rezeption vorbei und bitte dringend um eine weiche Auflage, ich könne mich kaum noch rühren. Kein Problem, strahlt mich die Rezeptionistin an, in einer Stunde sei das Problem gelöst. Prima! Den Vormittag verbringe ich am Gradierwerk. Anders als in der wunderbaren Reha meines Göttergatten in Bad Rappenau gibt es hier keine Liegestühle und bequemen Sitzgelegenheiten, sondern nur sehr schmale Holzbänke. Sitzen tut weh, also lege ich mich hin (glücklicherweise bin ich schmal genug), bette meinen Kopf auf meine Jacke, lese etwas und tanke Sonne. Ein Fehler, denn nach einer halben Stunde habe ich heftig Mühe, in die Vertikale zu kommen. Ich humple auf mein Zimmer in Erwartung einer gepimpten Matratze und freue mich über ein sorgfältig gemachtes Bett mit penibel glattgezogener Bettdecke und akkurat auf dem aufgeschüttelten Kopfkissen positioniertem Nachtkleid. Leider ist die zwischen Bettlaken und Matratze von Schulter- bis Hüfthöhe platzierte dünne und mittig zusammengelegte Decke aufgefaltet und längs dazwischen geklemmt. Jetzt ist es noch härter. Beim Mittagessen frage ich in unsere muntere Runde, wie denn deren Matratzen seien. Einige haben sich beschwert und ausnahmslos entweder andere, weichere Matratzen oder richtig dicke Matratzen-Topper bekommen. Wieso klappt das bei mir nicht?

Ich beschließe, das zu tun, was zuhause auch am besten hilft: Bewegung. Ich konsultiere meine Wanderkarten-App und entscheide mich für einen Turm mit einigen Ruinen drumherum in etwa 2 Kilometern Entfernung. Vorsichtshalber nehme ich meine Walking-Stöcke mit. Die erste, positive Überraschung ist der Weg; gepflegt und sehr bequem begehbar führt er zunächst durch einen frühlingsgrünen Lindenwald und später an einigen Feldern entlang. Blühende Apfelbäume säumen den Pfad, Bänke laden zu Pausen ein. Die Sonne scheint und außer summenden Insekten ist kein Geräusch zu hören. Bald schon sehe ich den hellen Sandstein einer Burgruine über den Baumwipfeln. Zu meiner Überraschung kostet es Eintritt. Ich habe kein Geld dabei, entschuldige mich und möchte schon umkehren, da winkt mich der nette Herr an der Kasse durch und wünscht mir viel Spaß.

Kaum habe ich den Burggraben überquert, empfängt mich eine Atmosphäre – ich kann es nicht anders formulieren - tiefer Frömmigkeit. Herzstück ist eine romanische Kirchenruine, die die Grabeskirche in Jerusalem kopiert. Die Kuppel ist eingestürzt und gibt den Weg in den blauen Himmel frei. Durch Rundbogenfenster schweift der Blick in die Weite – Ferne – Ewigkeit. Die Ruine raunt von Rittern, Mönchen, frommen Menschen und einer Zeit, in der die Ideale noch hehr und die höchste Tugend die Maße war. Dichter grüner Rasen wächst zwischen den Gebäudeteilen. Die etwas martialische Schutzburg, die 100 Jahre nach der Fertigstellung als Schutz um die Kirche herum gelegt wurde, erhöht eher noch den spirituellen Eindruck dieses besonderen Ortes. Ich bin völlig allein hier und verweile spontanverliebt gerne und lange. Auf dem Rückweg lasse ich das Gesehene nachklingen und bin dankbar, dass Herz und Geist so unerwartet beflügelt wurden.

Eine Stunde später hat mich der Klinikalltag wieder. Erkenntnis des Tages: Wandern ist gar nicht so spießig. Und Vanille-Cola hat keine Fettpunkte.

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