Samstag, 28. April

Veröffentlicht auf von Marie

Nach einer dank Matratze eher anstrengenden Nacht stelle ich morgens fest, dass mein gesamtes linkes Bein an ein modernes Kunstwerk erinnert. Wie auf einer Girlande ziehen sich sechs zwischen lila und grün changierende Blutergüsse mit einem Durchmesser von je etwa 10 Zentimetern an der Außenseite meines Beines entlang. Da hat der Krankengymnast ja ganze Arbeit geleistet! Beim spartanischen Frühstück erzählt mir eine meiner Mitstreiterinnen, wie wunderbar sie geschlafen habe; nachdem sie sich über die Matratze beschwert habe, habe sie einen richtig dicken Topper bekommen – es sei jetzt perfekt. Ich komme ins Grübeln. Beim Psychotest habe ich bei der Frage, ob ich manchmal das Gefühl habe, nicht wahrgenommen oder übersehen zu werden, mit tiefster Überzeugung „nie“ angekreuzt. Sollte ich mich so geirrt haben?

Anschließend habe ich Gerätetraining im Plan stehen. Die Kellerdisco-Muckibude ist ausschließlich von mittelalten Herren mit Wohlstandsbäuchlein unter dem straff gespannten Muskel-Shirt frequentiert. Diese stehen vorzugsweise neben den Maschinen, um über die Bundesliga zu fachsimpeln. Ich fühle mich spontan wohl. Anderthalb Stunden nehme ich mir Zeit; am Ende nehme ich noch einen kurzen Holzstab, um damit vor dem Spiegel in Zeitlupe an meinem Golfschwung zu arbeiten. Wäre ja schlimm, wenn die Ergebnisse des Wintertrainings hier abhanden kämen!

Auf meinem Zimmer angekommen geht mein Kreislauf komplett in die Knie. Einfach so. Auf dem Boden liegend und mit hochgelagerten Beinen vermisse ich plötzlich ganz arg meinen Göttergatten. Und Schokolade. Als es wieder besser geht, gönne ich mir eine Lakritzportion und zwei Koffeinbonbons aus meinen Vorräten. Ein halber Liter Wasser dazu und die Welt hat mich wieder. Zu Mittag bekomme ich als Vegetarier heute das rote Menü. Rot gleich fettig gleich schlecht. Die mexikanische Gemüsepfanne ist lecker, aber übersichtlich und enthält 40 Fettpunkte. Zusammen mit einem Esslöffel Kartoffelsalat und dem Müsli vom Frühstück habe ich meine 60 Punkte-Tagesration erreicht – und sollte eigentlich den Rest des Tages nichts mehr essen.

 

Es ist immer noch recht kühl, aber die Sonne lacht. Da mein Knie zwar blau, jedoch recht gut gelaunt ist, lade ich eine Wanderkarten-App herunter und plane eine Tour. Na ja, eher einen Spaziergang mit Ambiente. Im Umkreis von fünf Kilometern befinden sich laut App dreizehn lohnenswerte Wanderziele, Aussichtspunkte, etc. Ich peile den nächst Gelegenen an: 1,2 Kilometer und etwa 70 Höhenmeter trennen mich von einem Aussichtsturm, der auch in der Klinik als Ziel angepriesen wird. Das sollte ich schaffen! Hinter dem kleinen Ort geht es in den Wald und dann gleich steil bergauf. Der Weg wird immer schlechter. Gepflegt ist hier nichts. Der Weg wird immer schmaler, teilweise nur 40 Zentimeter breit; daneben geht es an der einen Seite recht steil hoch und an der anderen entsprechend runter. Bin ich richtig? Wegweiser und App sagen: alles gut. Kurz vor dem Ziel wird der Weg in Richtung Abhang abschüssig, ist übersät mit rutschenden Geröllbröckchen und immer wieder von den letzten Regenfällen teilweise unterspült. Ich bin vollkommen alleine unterwegs. Mein instabiles Knie macht erstaunlich gut mit und wirklich weit ist die Wegstrecke ja nicht. Oben angekommen entschädigt mich eine grandiose Aussicht für den Weg. Eine halb verrottete Sitzbank lädt nicht wirklich zu einer Pause ein, aber ich brauche sie dringend. Im Kopf notiere ich mir: beim nächsten Einkauf stärkeres Deo besorgen.

Vorsichtig mache ich ich auf den Rückweg in die Klinik. Unterwegs merke ich, dass meine heißgeliebte zartgrüne Feincordstretch-Hose, genau die, bei der mein Mann immer fragt, ob ich sicher sei, dass ich so etwas total Enges in der Schule tragen kann, an den Knöcheln Falten wirft und am Po in Richtung Baggy Pant tendiert. Immer wieder muss ich Rutschungen richten – nicht ideal bei all der Konzentration auf den Weg. Ich füge eine weitere Notiz im Kopf an: Zukünftig nur noch mit Gürtel aus dem Haus gehen. So gönne ich mir abends doch noch einen Salat und eine Scheibe trockenes Brot. Tagesbilanz: 78 Fettpunkte. Die können mich mal!

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