Montag, 30. April

Veröffentlicht auf von Marie

Ein rechtschaffen übler Tag! Nach nur einer Stunde Schlaf quäle ich mich zum Frühstück. Ich sehe aus, als ob ich einen ausgewachsenen Kater habe, was umso tragischer ist, da diesem Aussehen nicht die Freuden des Alkoholkonsums vorausgegangen sind. Danach steht erstmalig Wassergymnastik auf dem Programm. Das Bad ist recht modern und hell, aber klein und das Wasser reicht mir gerade ein paar Zentimeter über den Bauchnabel, was die Gymnastik etwas kompliziert gestaltet, muss ich doch weit mehr in die Knie gehen als eigentlich sinnvoll ist. Ein junge Dame spult leicht gelangweilt und vollkommen humorfrei das 25-minütige Programm herunter. Korrigiert wird nichts, individuell gearbeitet schon gar nicht. Nach 10 Minuten beginne ich zu frieren. Das bisschen Hupfen, Knie-Heben und Poolnudel-Schwenken macht weder Freude noch Sinn. Immerhin gewährt mein Badeanzug einen beeindruckenden Blick auf mein linkes Bein, das inzwischen von Po bis Wade in diversen Grüntönen leuchtet. Meine Mitstreiter finden das weit weniger lustig als ich und sind sehr erschrocken. Diejenigen, die heute ihren ersten Krankengymnastik-Termin haben, werden etwas blass um die Nase.

Danach haben wir eine neue Physiotherapeutin in der „Bewegungskompetenz“. Und siehe da: fröhlich und kundig geht’s gleich los mit Übungen in einer bunten Mischung aus Yoga, Pilates, Krankengymnastik. Die Dame versteht die Übungen als Angebot und gibt jedem Hilfestellungen wie Tipps. Selbst die füllige Dame mit „dat Ischias“, die an den Folgen des letzten Termins noch heftig leidet, macht begeistert mit.

Anschließend gehe ich mich beschweren, dieses mal in der Patientenverwaltung, die ich wegen einer Aufenthaltsbestätigung ohnehin konsultieren musste. Da ich grausam aussehe, hängt sich die freundliche Dame gleich ans Telefon und verspricht mir strahlend, das Matratzenproblem werde innerhalb einer Stunde gelöst. Und tatsächlich: kurz darauf erscheint in meinem Zimmer ein sehr höflicher junger Mann mit gleich zwei der dünnen Decken, die er kunstvoll auf die bereits Vorhandene legt. Den Lattenrost stellt er mir auf „weich“, sagt aber gleich, dass das wenig ausmachen würde, denn ich hätte noch eine der alten Matratzen – wenn er so schlafen müsste, hätte er auch Schmerzen, aber ohne Dienstanweisung von oben dürfe er keine Matratze tauschen, sondern nur dünne Deckchen verteilen. Ich möge mich morgen an die Hausdame wenden.

Nach dem Mittagessen (ich liebe Nudeln! Aber noch mehr liebe ich Nudeln, von denen ich satt werde) geht es zur „Schulung gesunde Ernährung“. Ich bin sehr neugierig, hadere ich doch täglich von Neuem mit dem Konzept, das allen hier uniform übergestülpt wird. Die Dame ist recht taff und mit vehementem ökologischem Bewusstsein ausgestattet. Der Anfang – viel trinken – ist simpel. Gemüse sollte regional und saisonal verzehrt werden; soweit so gut. Alles, was Milch enthält ist böse, weil es entweder viel böses Fett und dafür wenig Zucker enthält, oder wenig Fett und viel richtig bösen Zucker. Auch Käse ist böse. Und Obst? Das enthält viel Zucker und ist deswegen so etwas wie halb böse. Aber ein Apfel am Tag wäre dann schon okay. Ja, was man denn dann Essen solle? Viel gedünstetes oder rohes Gemüse wie Paprika oder „Zutschini“(!), als Getreide Vollkorndinkel, ein Hauch Rapsöl und dazu kohlensäurearmes Mineralwasser. Lebensfreude sieht anders aus. Rückblickend erscheinen mir die Ökogelage meiner Jugend mit lauwarmer Milch und Müsliriegeln wie wahre Orgien. Die fülligen Damen in der Gruppe nicken verständig, mich überkömmt angesichts der Zeit, die ich noch hier sein werde, ein finstres Grausen. Mein BMI dürfte inzwischen gegen 19 tendieren.

Die anschließenden 15 Minuten Heißluft verbringe ich auf dem Bauch liegend in erholsamem Schlummer, wache jedoch mit Nackenschmerzen auf, die sich zu den Rückenschmerzen dazu gesellen. So wird die „Schulung Sozialberatung“ zur Qual; der nette Herr, der diese hält, fasst sich präzise, kurz, konstruktiv. Ich leide am Sitzen und lasse mir hinterher einen Einzeltermin bei ihm geben.

Eigentlich kann ich kaum noch laufen, beschließe aber, nach dem Abendessen meinen obligatorischen kleinen Spaziergang an der Weser entlang doch noch zu machen. Nach regnerischen Stunden ist der Himmel frisch gewaschen blau. Ich schlüpfe in meine Kniemanschette, die ich zuhause nur noch sehr selten trage, und freue mich auf die Gestade des Flusses, dessen Rauschen zutiefst beruhigend wirkt.

Auf dem Rückweg hole ich noch schnell meine Post ab und finde die Bestätigung der Verlängerung der Reha-Maßnahme vor. Ohne jede Absprache mit mir und meinen Mitstreitern wurde diese einfach so für die ganze Gruppe veranlasst.

Fazit des Tages: schlimmer geht immer.

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