Freitag, 27. April

Veröffentlicht auf von Marie

Liegt es an der Unterernährung? An der brettharten Matratze? Am Koffeinmangel? Oder am Training am Tag zuvor? Ich wache auf mit bohrenden Kopfschmerzen. Zum Frühstück muss ich bereits kurz nach 7 Uhr, weil mich um 7.40 Uhr schon die erste Anwendung erwartet. Ich quäle etwas Müsli zum koffeinfreien Kaffee in mich hinein und freue mich über den schlecht beleuchteten Essensraum. Draußen hängt dichter Nebel über der Weser. Meine Mitstreiter finden mitfühlende Worte, aber spüren auch, dass ich nicht viel reden kann. Danach geht es zum Hydrojet, von den Anderen bereits in den höchsten Tönen gelobt. Ein angewärmtes Wasserbett mit Massagefunktion ist genau das, was ich brauche. Nach viel zu kurzen 15 Minuten geht es mir soweit besser, dass ich mich dem anschließend auf dem Plan stehenden „Walking“ gewachsen fühle. Ein bisschen Spazierengehen an der frischen Luft kann ja nicht schaden. Bereits nach 200 Metern hat mich die Gruppe abgehängt. Eine zierliche Dame mit massiver Atemnot keucht neben mir her. Wir haben keine Chance. Der Trainer sieht es locker, empfiehlt uns die ebenerdige Route anstelle des steilen Berges, den die Gruppe hochpowern wird, und sagt, wir sollen nach 30 Minuten einfach umkehren. Es ist kalt, richtig kalt. Ich wickle mir den Schal um die Ohren und höre mir die nächste Stunde die traurige Geschichte der asthmatischen Dame an, die in unserem Gesundheitssystem irgendwie völlig untergegangen ist und auch hier damit kämpft, überhaupt wahrgenommen zu werden. Ich höre zu, gebe ihr ein paar Tipps, die Stunde ist schnell vorbei. Und im selben Maße, wie sich der Nebel über der Weser lichtet und der blaue Himmel sichtbar wird, verschwinden auch meine Kopfschmerzen. Bleierne Müdigkeit überkommt mich und ich beschließe, mich noch kurz hinzulegen. Ein Fehler, denn kaum liege ich, schießen die Schmerzen wieder in den Kopf. Also doch die Matratze. Auf dem Weg zu den psychologischen Testverfahren bitte ich an der Rezeption, mein Matratzenproblem zu lösen. Sei kein Problem, sie hätten für solche Fälle „Topper“ und es würde in der nächsten Stunde erledigt. Donnerwetter!

Die Tests entpuppen sich als drei mittelumfangreiche Fragebögen, die ich mit lockerer Hand sehr schnell ausfülle. Ob ich manchmal Lust habe, mit Gegenständen um mich zu werfen. Die Antwortmöglichkeit „noch nicht“ ist leider nicht vorhanden.

Beim Mittagessen erzählen meine Mitstreiter begeistert von ihren Anwendungen. Eine temperamentvolle Dame hatte heute bereits den 2. Hydrojet-Termin. Andere schwärmen von Massage und Moorbad. Ich habe nichts dergleichen auf meiner Liste. Das entspricht ziemlich genau der ärztlichen Einschätzung, dass ich ja nichts habe. Einmal Kopfrechnen ergibt, dass ich noch drei Wochen und fünf Tage vor mir habe.

Eigentlich gehöre ich ins Bett, aber nach dem Mittagessen (30 Fettpunkte aus trockenen Nudeln mit etwa 40 Erbsen, deprimiertem Salat und Apfelmus) gibt es wieder „Bewegungskompetenz“ und diese Comedy will ich mir nicht entgehen lassen. Heute geht es um das Thema „Sitzen“. Wir sitzen auf Hockern im Kreis. Und Sitzen. Und Sitzen. Währenddessen erklärt die Dame wortreich, was eine Bandscheibe ist. Ich setze mich aufrecht hin und schalte um in den Meditationsmodus. Nach einer Viertelstunde sollen wir uns bewusst gerade hinsetzen. Ich sitze bereits aufrecht und mache deshalb nichts. Prompt werde ich angemotzt, dass das mobile Sitzen enorm wichtig sei. Also fläze ich mich asymmetrisch auf dem Hocker, die Dame ist zufrieden. Dann gibt es Hilfsmittel, die mir von meinem genialen Pilates-Trainer sehr vertraut sind: Bälle und Wackel-Sitzkissen. Wir setzen uns darauf und sollen uns bewegen. Und das war´s dann schon. Körperwahrnehmung? Gezielte Bewegung? Fehlanzeige. Hauptsache bewegen; das Wie scheint egal zu sein. Dann sollen wir einen kleinen Ball, dessen Härtegrad zwischen Tennisball und Holzkugel angesiedelt ist, zwischen Sitzhöcker und Holzschemel klemmen, uns mit ganzem Gewicht darauf setzen und dann bewegen. Eine äußerst füllige Dame neben mir klagt, dass das ihren Ischias doch sehr reize. Nee, machen Se ma ordentlich, dat Ischias tut sich dran gewöhnen. Der fülligen Dame perlt der Schweiß auf der Stirn; ich souffliere dezent, sie kann den Ball doch einfach seitlich am Ischias vorbei platzieren.

Inzwischen ist es zwar kühl, aber herrlich sonnig. Ich gehe ins Klinik-Café. Hier lächeln fette, mehrstöckige Sahnetorten aus der Kühleinrichtung. Dazu bestelle ich einen After-Eight-Latte-Macchiato. Die Kopfschmerzen werden besser. So peile ich den örtlichen Supermarkt an, der unweit der Klinik gelegen recht klein aussieht, innen aber überraschend großzügig ist mit breiten, rollator-tauglichen Gängen. Das Angebot hält überraschend viele Kekse, Süßigkeiten, Bonbons bereit. Angebot und Nachfrage. Allmählich verstehe ich das Ernährungs-Konzept, dessen Armseligkeit die Supermarkt- und Sahnetorten-Sünden der Klinik-Insassen automatisch einzubeziehen scheint. Ich packe meinen Rucksack voll, freue mich, dass es sogar Koffein-Bonbons gibt und schmuggle alles dezent in meine Klause.

Dort müht sich gerade eine südosteuropäische Hilfskraft mit meinem Bett. Der angekündigte „Matratzentopper“ entpuppt sich als dünne Sommerdecke, die zwischen Laken und Matratze eingezogen wird. Effekt gleich Null. Was anderes gäbe es nicht. Drei Wochen und fünf Tage, das macht 26 Nächte. Au weia!

Fazit des Tages: 58 Fettpunkte von erlaubten 60. Da kann ich noch mit lockerer Hand je einen Punkt für den After-Eight-Latte-Macchiato und die Sahnetorte anrechnen. Passt schon.

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