9.5.2014, Freitag

Veröffentlicht auf von Marie

Mein Plan für heute ist dünn. Ein Vortrag um 9 Uhr und einer um 11. Auf dem Weg zum Frühstück begegne ich der Dame aus der Kennenlerngruppe, die so fassungslos fragte, ob die Massage in der Gruppe stattfindet. Sie ist Abteilungsleiterin in einem Kaufhaus und hat nach einem schweren Unfall vor einigen Jahren zunehmend Probleme. Auch sie ist supergenervt von all den Standardisierungen. Obendrein hat sie eine Lebensmittelallergie. Ohnehin untergewichtig hat sie Dauerhunger und wird von ihrem Freund mit Care-Paketen versorgt. Kommt mir bekannt vor.

Im ersten Vortrag geht es um Entspannungstechniken. Es wird erklärt, warum nicht jedes bei jedem hilft und dass es drei Zugangswege gibt: über Atmung, Körpergefühl und über Imagination. Hier im Haus wird versucht, die individuell passende Methode zu finden – das müsse man einfach ausprobieren. Klingt gut und sinnvoll. Mal sehen, ob etwas entsprechendes im Therapieplan für die nächste Woche bei mir verzeichnet ist. Den Rest der Stunde wird Jacobson gemacht – dazu bekommen wir auch ein Handout, damit wir das selbst machen können. Nun ist Jacobson genau das, was ich mehrfach schon probiert habe in verschiedenen Formen, was aber aus verschiedensten Gründen gar nichts bei mir bringt. Schaden tut´s nicht. Nur das Sitzen auf den unbequemen Stühlen macht mir Probleme.

Da der Vortrag erst um 9 Uhr anfing, habe ich mir den Luxus geleistet, etwas länger zu schlafen. Wenn man sich nicht pünktlich zur Eröffnung morgens um 7.15 Uhr in der Schlange drängelt, kriegt man ohnehin nur Reste – da macht die halbe Stunde auch keinen Unterschied. Immerhin gibt es noch Obstsalat, aber nur noch Milchbrötchen. Ich hoffe, dass das gut geht – und verbringe die Pause zwischen den Vorträgen auf dem Klo. Immerhin habe ich beim Frühstück den Filialleiter aus dem Sauerländischen getroffen, der auch etwas länger geschlafen hat. So setze ich mich zu ihm an den Tisch, da alle dort schon gegessen haben und die Plätze frei sind. Gemeinsam lästern wir vergnüglich ab – und der Tag beginnt eigentlich gut.

Um 11 Uhr gibt es einen Vortrag über die Rehabilitation im Allgemeinen und über die sogenannte Zielvereinbarung. Ich erfahre, dass Aktivität zur Philosophie des Hauses gehört – ha! Und dass, weil die ganzen aktiven Rehamaßnahmen so anstrengend sind – ha! - es wichtig ist, auch Entspannungs- und Ruhephasen einzulegen. Dass in der letzten Woche nur noch wenige Therapien auf dem Plan stünden, sei normal, da nach den Anstrengungen (!) dann eine Ruhephase angebracht sei. Auch sei es wichtig, dass der Patient mitarbeitet und seine Wünsche äußert, damit der Therapieplan angepasst werden kann. Ich fühle mich sensationell verarscht. Über die Hausordnung und den Brandschutz werden wir auch noch aufgeklärt. Hier herrscht absolutes Rauch- und Alkoholverbot. Wer erwischt wird, wird umgehend nachhause geschickt. In meinem Kopf erhebt ein kleines Teufelchen sein grinsendes Haupt........Dann wird noch erklärt, wie wichtig eine sinnvolle Freizeitgestaltung ist und dass man doch die Gelegenheit zum Spazierengehen nutzen möge. Habe ich erwähnt, dass ich gehbehindert bin? Außerdem soll man sich ein Reha-Ziel setzen (habe ich: besser gehen können, Muskeln am linken Bein aufbauen) und versuchen, sich immer wieder zu motivieren, auch wenn das schwer fällt. Ha! Ha!! Ha!!!!! Am Schluss wird noch die überwiegend sitzende Lebensweise kritisiert und dass es eine Aufgabe hier sei, dieses Muster mit den Therapien zu durchbrechen. Wie soll ich das tun, wenn fast ausschließlich Vorträge auf meinem Plan stehen??

Also marschiere ich runter in den Physiotherapiebereich. Dort steht an einer Tafel alles, was hier angeboten wird. Vieles wäre genau richtig, denn mein Rücken tut vom Sitzen weh und der oberste Halswirbel steht auch nicht da, wo er hingehört. Ich frage, ob es möglich ist, Behandlungen zu buchen und privat zu bezahlen. Das geht nicht, weil es dazu in jedem Fall einer ärztlichen Verordnung bedarf. Ich frage, ob ich ein Rezept von zuhause einlösen könne – ich könnte es mir schicken lassen. Das geht nicht. Aber im Ort sei eine Physiotherapie-Praxis, an die kann ich mich wenden. Dazu müsste ich die Hauptstraße entlang und dann abbiegen und den Berg hoch. Habe ich erwähnt, dass ich gehbehindert bin?

Zum ersten Mal frage ich mich, ob ich das alles träume. Passieren hier diese Dinge wirklich so? Ist es möglich, dass etwa so schief laufen kann? Kann das sein, dass jemand, der so klar und oft schonungslos kommuniziert wie ich, so falsch verstanden werden kann? Vielleicht wache ich auf und liege in meinem Heidelberger Kuschelbett mit meinen Katzen und einem schnarchenden Ehemann und kann mich über diesen Alptraum nur wundern. Ach ja: wir sind natürlich darauf hingewiesen worden, dass wir die Reha nicht abbrechen können. Es wäre wichtig, dass wir uns darauf „einlassen“. W-lan-Module gibt es übrigens immer noch nicht.

Am Mittagstisch sitze ich wieder mitten im Sprachenbermudadreieck. Über meine Tischnachbarinnen habe ich noch nichts erzählt: alle drei sind in der Psychosomatik und schon länger da. Glücklicherweise kennen die drei sich so gut und haben soviel zu besprechen, dass sie mich völlig ignorieren. Eine spricht ohne Punkt und Komma unfassbar schnell und viel in recht derbem bayrisch. Das meiste verstehe ich. Bei jeder Mahlzeit erzählt sie ausführlich, wo sie wieder ganz viel weinen musste. Die Nr. 2 am Tisch spricht breitestes sächsisch. Auch das recht viel und ausführlich. Hier verstehe ich fast nichts. Die dritte kommt aus Berlin und ist recht lustig im Umgang mit den anderen beiden. Ich werde komplett ignoriert. Auch gut. Immerhin erfahre ich aus den Gesprächen, dass in der Psychosomatik Massagen, Heilbäder, Wärmeauflagen und manuelle Therapie sehr schnell und häufig angeordnet werden. Nur die armen MBOR-Orthopädie-Patienten kriegen nichts. Ich komme heute einfach später zum Essen, um 12.30 Uhr. Da es mittags Menü und kein Buffet gibt, sollte das keinen Unterschied machen. Ich bin mit meinem Essen (ziemlich leckere Gemüserollen) noch nicht einmal halbfertig, da wird schon – 15 Minuten vor Ende der Essenszeit – lautstark und demonstrativ der Rest vom Tisch abgedeckt, neues Geschirr bereitgestellt und ich mit bösen Blicken bedacht. Stört mich nicht. Die Abräumdamen schon.

Der letzte Punkt vor einem gähnend leeren Wochenende ist ein Termin in der Küche zur „Sonderkostabsprache“. Schnell und effizient geht der Küchenleiter mit mir den Speiseplan für die nächste Woche durch und lässt mich kombinieren, was ich will – wo wieviel Laktose drin ist, weiß er auswendig. Nach 10 Minuten sind wir fertig. Hier sitzt offensichtlich jemand vom Fach. Ab Montag werde ich also das passende Essen haben und nicht mehr auf die Müsliriegel meines liebenden Gatten angewiesen sein.

Auf dem Rückweg komme ich am großen Whiteboard vorbei, auf welchem das tägliche Veranstaltungs-Freizeitangebot zu finden ist. Täglich gibt es ein Motto des Tages. Heute ist das :„Das Außerordentliche geschieht nicht auf glattem, gewöhnlichem Wege“. Soll mich das trösten?

Am Nachmittag stürze ich mich todesmutig nach draußen für einen Spaziergang. Ich gehe einfach mal davon aus, dass es im kleinen Park, den ich von meinem Fenster aus sehe, genügend Sitzmöglichkeiten gibt. Und mein Eindruck täuscht mich nicht. Vor dem Haus ist ein winziger, aber gepflegter Garten mit Bänken alle 5 Meter. Der Park ist nur wenige Schritte entfernt und entpuppt sich als Teich, den man auf bequemen Wegen umrunden kann. Dahinter beginnt ein sympathisch verwahrloster Grünstreifen mit durchaus belebten Wegen, die an einer Pferdeweide enden. Ich freue mich über die Vierbeiner und rede eine Weile mit ihnen. Von Bank zu Bank bin ich mit vielen Pausen gut eine Stunde unterwegs. Dabei achte ich darauf, konsequent gleichmäßige Bewegungen zu machen und, sobald das nicht mehr geht, sofort die nächste Bank für eine Pause anzupeilen. Etliche rüstige Rentner überholen mich. Aber ich freue mich über den Wind und die frische Luft. Eine nahende Regenwolke setzt dem Vergnügen ein Ende. Morgen mehr davon.

Beim Abendessen sehe ich, dass an vielen Tischen ein zusätzlicher Stuhl steht, weil viele Menschen über das Wochenende Besuch bekommen. Auch unser Tisch ist erweitert um den Ehemann der Dame mit der sächsischen Mundart. Dieser entpuppt sich als netter und hochdeutsch redender Mensch. Die Dame aus dem Bayrischen, die soviel weint, ist extrem giggelig und witzig und unterhält mit Anekdoten aus der Landeshauptstadt. Sieh an! Überhaupt sind die Gesprächsthemen völlig anders: in erster Linie Fußball und Steuern. Der Herr bezieht mich dann aber in das Gespräch ein. Schnell stellt sich heraus, dass er Elternpflegschaftsvorsitzender für Sachsen war – und er hat viele und sinnvolle Fragen über das Waldorfsystem. Bald sind wir in ein intensives Gespräch vertieft, aus dem ihm seine mit Argusaugen wachende Gattin aber zügig mit einem energischen „Gomm jedzt!!“ reißt.

Für den Abend ist eine Veranstaltung angekündigt: „Ein musikalischer Abend durch die Zeiten mit Gesang“. Ich freue mich auf einen gediegenen Liederabend – und stelle fest, dass es sich um einen Alleinunterhalter handelt, der Oldies zum Besten gibt. Schnell weg! Im Schwimmbad sind wir nur zu dritt. Die zwei Herren und ich pflügen Bahn um Bahn durch das Becken, während der Bademeister gelangweilt mit seinem Handy spielt. Später treffen wir uns in der Sauna. Ab 20.30 Uhr bin ich ganz alleine – und genieße.

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