7.5.2014, Mittwoch

Veröffentlicht auf von Marie

Da ich um 8 Uhr einen Termin beim Oberarzt habe, gehe ich schon um 7.30 zum Frühstück – das Buffet wird um 7.15 Uhr eröffnet. Obstsalat ist schon keiner mehr da. Aber Brötchen in Hülle und Fülle. Der Kaffee ist für eine Großküche ertragbar.

Der Oberarzt ist ausgesprochen übellaunig.

„Was ist ihr Ziel?“

„Wieder gehen können, wieder tanzen können“.

„Was tanzen Sie?“

„Ballett“

„Da müssen Sie sich nicht wundern, wenns Ihnen schlecht geht“

„Aber die Probleme kommen durch den Sturz und die OPs“

„Da müssen Sie in eine Reha.“

„Ja!!! Dafür bin ich doch hier.“

„Sie sind aber nicht in der Reha, sondern im MBOR-Programm; das sind ausschließlich Gruppenangebote für Menschen mit Problemen am Arbeitsplatz.“

„Und meine Rückenschmerzen? Und die Knieprobleme?“

„Ich bestelle Ihnen über die Krankenkasse ein TENS-Gerät zur Elektrostimulation“

„Ich habe mein Gerät vor zwei Wochen zurückgeschickt, weil der Orthopäde sagte, ich brauche es nicht mehr.“

„Mehr können wir hier nicht tun.“

„Ich hab auch noch Migräne.“

„Da kann man sowieso nichts machen.“

Immerhin bittet mich der Arzt, später nochmal vorbeizukommen, um die Differenz der Oberschenkelmuskulatur an den Beinen auszumessen – und die ist erheblich.

Die Chefarztvisite geht schnell und effizient vonstatten. Anschließend geht’s zum Arbeitsplatzscreening. Im hintersten Winkel des Kellers muss ich auf Bildchen gucken und ankreuzen, ob ich das Dargestellte kann, nicht kann, oder eingeschränkt kann. Vieles konnte ich auch vorher nicht, z.B. 50 kg heben. Aber darum geht’s nicht. Dann wird noch gemessen, wieviele Kilo ich schieben, drücken und ziehen kann. Das war´s. Die Dame ist sehr freundlich, aber wozu das Ganze ist, erschließt sich mir nicht wirklich. Anscheinend wird am Ende nochmal dieser Test durchgeführt, um zu beweisen, was sich verbessert hat. Gut, denn das setzt ja voraus, dass mir ein entsprechendes Therapieangebot zur Seite gestellt wird.

Beim Mittagessen stellt sich heraus, dass mein vegetarisches, laktosefreies Essen vergessen wurde. Ich bekomme drei Kartoffeln. Ohne alles. Und angebrannt sind sie auch. Und da ich erst um 12.30 Uhr gekommen bin, gibt es auch keinen Salat mehr, denn um dieses Zeit wird schon aufgeräumt, obwohl im Plan steht, dass Essen bis 13 Uhr möglich ist. Ein weiteres Mal bin ich unendlich dankbar für die Müsliriegel meines liebenden Gatten.

Um 14 Uhr steht dann die MBOR-Kennenlerngruppe auf meinem Plan. Sechs Patienten treffen sich mit zwei Sozialarbeiterinnen im Seminarraum. Zunächst wird erklärt, was MBOR ist: ein seit 2 Jahren übliches Modell der Rentenversicherung, in das alle kommen, die nicht direkt aus einem Krankenhaus in die Reha entlassen werden. MBOR beinhaltet ausschließlich Gruppenangebote und ist weitgefächert: ausdrücklich werden ganz viele psychosozialen Komponenten mitberücksichtigt. Ein Herr neben mir – ein Filialleiter einer Bank im Sauerländischen – kann sich nicht mehr an sich halten „ich bin hier falsch!“. Eine andere Dame fragt entsetzt: „Finden dann die ganzen manuellen Therapien und Massagen als Gruppe statt?“ Nein, sie finden gar nicht statt. Diese Reha-Form ist standardisiert – ein Wort, das ich erschreckend oft zu hören bekomme – und nicht zur individuellen Therapie gedacht. Die individuelle Verbesserung findet statt dadurch, dass versucht wird, die passenden Gruppenangebote zu finden. Das Ganze wird – standardisiert - am Schreibtisch entschieden und ja, Fehleinschätzungen kommen leider öfter vor. Und wieder kann sich der Filialleiter aus dem Sauerländischen nicht an sich halten: „Das klingt nach krassen Einsparungen zu Lasten der Patienten“. Nein, werden wir beruhigt. MBOR spart nichts, sondern im Gegenteil: die Patienten haben mehr Angebote zur Verfügung, die Betreuung ist sehr viel weitgefasster. Soll ichs glauben? Jetzt schwant mir auch, dass mein Therapieplan nicht vorläufig ist, sondern die Vorträge und Gruppengespräche alles sind, was hier für mich stattfinden wird. Und wieder bringt es der Filialleiter aus dem Sauerländischen auf den Punkt: „ich bin hier, weil ich viele Stunden täglich im Sitzen arbeite und Bandscheibenprobleme habe. Und jetzt soll mein Problem verbessert werden, indem ich hier in Vorträgen sitze?“. Vier von sechs in dieser Gruppe danken ähnlich, sind gekommen, nicht weil sie Probleme am Arbeitsplatz haben, sondern gerne arbeiten, aber – meist als Folge von Unfällen – ein konkretes orthopädisches Problem haben. Die Hälfte der Gruppe spielt schon jetzt mit dem Gedanken, umgehend abzureisen. Eine Dame fragt, wann den Blut abgenommen wird, weil ihre Blutwerte regelmäßig kontrolliert werden müssen. Auch das ist nicht vorgesehen. Es gibt einmal wöchentlich eine Blutdruck- und Gewichtskontrolle. Nach einer kurzen Einweisung in die Geräte müssen die Patienten diese selbst vornehmen und in eine Liste eintragen.

Um 16 Uhr gibt es den nächsten Vortrag: Stressbewältigung im Alltag. Sicher sinnvoll. 50 Minuten lang wird erklärt, warum es Stress gibt, dass es positiven und negativen Stress gibt, wie er sich auf allen Ebenen auswirkt. Was man dagegen tun kann, ist sehr global und erschöpft sich in Alltagsweisheiten: gesund ernähren, Nikotin, Koffein und Alkohol meiden, genug schlafen. Und der bekannten Spruch, dass man lernen soll zu ändern, was zu ändern ist, zu akzeptieren, was nicht zu ändern ist und dass man klug genug sein möge, das eine vom anderen zu unterscheiden, stellt den intellektuellen Gipfel dieser langatmigen Ausführungen dar. Mein Rücken tut nach dem langen Sitzen so weh, wie schon lange nicht mehr.

Zum Abendessen komme ich etwas früher, aber finde wieder ein abgegrastes Buffet vor. Immerhin nehme ich mir eine Kanne heißes Wasser mit, damit ich mir auf dem Zimmer etwas heiße Gemüsebrühe zu meinem Müsliriegel zubereiten kann. Außerdem lege ich eine Check-Liste für meinen liebenden Ehemann an. Punkt 1: Müsliriegel schicken, da der nächste Supermarkt zu weit weg ist. W-Lan-Module gibt es noch immer nicht.

Draußen scheint die Sonne, aber mein Zimmer geht nach Norden. Immerhin gibt es auf dem Flur vor meinem Zimmer eine Aufenthaltsecke mit großen Flügeltüren nach draußen. Diese öffne ich weit und genieße dort sitzend ein halbe Stunde Sonnenlicht, bevor ein paar Wolken kommen.

Danach gibt es das erste Highlight des Aufenthaltes: das Schwimmbad. Die große Halle ist lichtdurchflutet dank großzügiger Glaskonstruktion, das Becken ist lang genug, dass man ein paar Bahnen schwimmen kann. Etliche Liegen laden zum Entspannen ein. Eine Stunde lang schwimme ich Bahn um Bahn. Mit jeder Minute geht es mir besser, die Muskeln arbeiten, der Kreislauf fährt hoch, Energie durchflutet mich – und ich fühle mich nicht behindert.

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