25.5.2014, Sonntag

Veröffentlicht auf von Marie

Na, also! Blauer Himmel mit ein paar Wolken am Horizont; so sieht es draußen aus - und auch in meinem Kopf. Mit diesen Migräne-Resten werde ich locker fertig. So beschließe ich beim Aufstehen, heute positiv und energiegeladen zu sein. Mal gucken, wie lange das funktioniert. Nach dem Frühstück will ich „wandern“ gehen. Gut gerüstet marschiere ich los zu einer mehrfach an unserem lustigen Tisch gerühmten Strecke namens „Stilles Tal“. Aber irgendetwas ist mir mal wieder entgangen. Ich lande außerhalb des Dorfes auf der Kuppe eines Hügels an einer Landstraße. Ein Stilles Tal ist das hier definitiv nicht. Aber da es einen Fahrradweg gibt und die Landstraße eher unbefahren ist – wer will auch hier schon hin? – laufe ich einfach mal los und genieße die grünen Wiesen und die sacht im Wind wogenden Getreidefelder um mich herum.

Leider tut seit dem ersten Schritt aus der Klinik heraus schon mein Knie weh. Dass die Sehnenansätze gereizt reagieren können, kenne ich. Und da ich übermorgen (ja, ja, jaaaaa!) schon wieder zuhause bin, vertraue ich auf die medizinische Hilfe, die ich in der Heimat absolut sicher, kompetent, umfassend und individuell habe. Ich ignoriere das Knie. Und siehe da: schlimmer wird es nicht. Aber auch nicht besser. Deswegen kehre ich nach einer halben Stunde um. Im Dorf locken die zahllosen Einkehrmöglichkeiten. Der Blick auf die Uhr sagt mir, dass in Singapur bereits Cocktailstunde ist. Dieses Argument nutze ich gerne und lasse mich bei guter Lektüre nieder. Auf dem glücklicherweise nur sehr kurzen Weg zurück in die Klinik dräut in mir die Erkenntnis des Tages: trink auf leerem Magen keinen Cocktail, wenn du noch mit zwei Walking-Stöcken hantieren musst! Wieder etwas gelernt.

Zum Mittagessen gehe ich bemüht gradlinig. Heute sieht es richtig lecker aus: Reis mit Paprika-Sauce und eine ziemlich große halbe Zucchini, die mit einer pilzähnlichen Masse gefüllt ist. Der Reis ist toll, aber die Zucchini-Füllung schmeckt eher so, wie eine verschwitzte Sportsocke riecht, die ausgiebig in einer Plastiktüte vergessen wurde. Ungenießbar! Auf diesen Schreck brauche ich erst einmal eine kurze Siesta. Aber die Sonne lockt so verführerisch, dass ich meine Stöcke nehme – ich bin inzwischen leidlich nüchtern – und wieder losmarschiere. Das Knie benimmt sich erstaunlich gut. Und als ich ein Hinweisschild sehe mit der Aufschrift: Burgruine 0,9 km werde ich wagemutig. Viele im Haus gehen dort für einen kurzen Spaziergang hoch und rühmen immer wieder die wunderbare Aussicht und die schöne Atmosphäre. Ich probier´s einfach!

Zunächst umfängt mich wieder ein wunderbarer Buchenwald mit schönen, alten Bäumen. Es duftet nach Gras, nach Laub, nach Sommer. In meinem Kopf erklingt etwas von Schumann in Es-Dur. Auch die ein oder andere Gedichtzeile uhlandet und eichendorfft sich in mein Gemüt. Nach einer halben Stunde erblicke ich das nächste Hinweisschild: Burgruine 0,7 km. So langsam gehe ich nun wirklich nicht – und verlaufen habe ich mich auch garantiert nicht. Nach einer halben Stunde überlege ich umzukehren, denn jetzt geht es richtig bergauf. Die Gedichtzeilen, die meinen Kopf queren, sind weniger „Die Vöglein singen im Walde“ als vielmehr „Warte nur, balde ruhest du auch.“ Endlich höre ich menschliche Stimmen und sehe etwas Gemäuer durch das Waldesgrün blitzen. Die verfallene Ruine ist beeindruckend. Auf eine mittelalterliche Wehrburg wurde ein Renaissance-Schloss aufgesetzt, von dem lediglich noch die Fassade steht, durch die das Himmelsblau sichtbar ist. Im Grunde wie in Heidelberg, nur sehr, sehr viel kleiner. Und ohne Fluss. Und ohne Bergbahn. Und ohne japanische Touristen. Die Aussicht ist grandios und zurecht gepriesen. Ich verweile gern und ausführlich. Der Rückweg ist mühsam, da es bergab geht. Um das Knie zu schonen, gehe ich mit vielen kleinen Tippelschrittchen. Manch strammer Wandersmann geht kopfschüttelnd an mir vorbei. Unten steuere ich zielsicher die Terrasse des Viersterne-Etablissements an. Man kennt mich dort und fragt, ob ich auf das Zimmer anschreiben lassen möchte. Leider nein. Und lange hält es mich nicht dort, droht doch in der „Anstalt“ schon das Abendessen.

Im Schwimmbad ist viel los. Auch in der Sauna tummelt sich einiges. Leider frönt die Badeaufsichtsdame heute wieder laut ihrem durchaus noch entwicklungsfähigen Musikgeschmack, sodass mein Schwimm-Slalom von „Kalinka“ und „Guantanamera“ für Summchor mit Mundharmonika begleitet wird. Vielleicht ist es ja die beeindruckende Entspannungstechnik der säuselnden Dame: mir ist es vollkommen egal und mir geht es gut dabei. Aber vielleicht bin ich auch einfach nur vom vielen Wandern müde.

Veröffentlicht in Stilles Tal und Waldeslust

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Lena 05/27/2014 17:32

Hm, meinst du vielleicht eher "Cuenta la mera" statt "Guantanamero"? Wobei einen das auf interessante Wege bringt, wenn man das suchmaschint....