22.5.2014, Donnerstag

Veröffentlicht auf von Marie

Mein heutiges Horoskop verspricht einen Tag wie jeden anderen hier auch:

„Mit einem starken Merkur- und Pluto-Einfluss stehen Sie heute unter Dampf. Und wenn es darum geht, Kritik auszuteilen, sind Sie nicht immer zimperlich.“

Und diesen Tag beginne ich gleich mit einer kreativen Alternative, denn einen Termin um 8 Uhr (morgens!) auf der Detensor-Liege wahrzunehmen und dafür mein Frühstück vorzuverschieben, das schreit förmlich nach einer anderen Lösung. So sitze ich zu meiner Detensor-Zeit beim Frühstück und bereite mich innerlich auf ein zweites (!) MBOR-Training vor. Wieder folgen wir der netten Dame in den muffigen Kellerwinkel und haben eine halbstündige Physiotherapie in der Gruppe. Dieses mal bekommen wir ein Komplettprogramm für den ganzen Rücken. Jede Übung wird kurz vorgemacht und geguckt, ob wir sie richtig verstanden haben, dann kommt schon die nächste. Dieses Physio-Rücken-Workout gibt es pro Teilnehmer insgesamt nur einmal. Die Fülle der Übungen schwirrt im Kopf herum, ein Handout gibt es auch nicht. Außer, dass ich mich eine halbe Stunde sinnvoll bewegt habe, habe ich für zuhause keinerlei Nutzen davon. Das x-te mal denke ich sehnsüchtig an meinen heimischen Pilates-Trainer. Und weil nach der halben Stunde noch etwas Zeit übrig ist, sollen wir eigenständig noch an den Geräten trainieren, die in dem Keller herumstehen. Ich hatte das bisher für lange ausrangierte Stücke mit musealem Wert gehalten. Schaut her, so war es früher; heute sind wir soviel weiter! Dass wir hier jetzt selbstständig ohne jede Kontrolle an diesen Museumsstücken trainieren sollen, lässt mich vor Entsetzen erschauern, zumal der Kellermuff nicht unbedingt der Motivation förderlich ist. Ich nehme mir zwei in der Ecke verwaiste Wackelkissen mit Noppen und mache ein paar Balance- und Fußübungen aus dem heimischen Pilates-Training, die mich prompt erfrischen. Zehn Minuten vor Ende der offiziellen Zeit verdrücke ich mich mit theatralischen Blicken auf die Uhr und gemurmelten Erklärungen.

Die Entspannungs-Gruppe wird heute leider nicht von der säuselnden Dame geleitet, sondern von einem jungen, etwas selbstverliebten Therapeuten. Seine Stimme ist deutlich geschult mit ziselierten Endsilben, klangvoll langen „m“ und „n“ und sehr prononcierten Endkonsonanten. Deshalb benutzt er seine Stimme auch gerne und ausführlich. Sein Bemühen, besonders tief zu sprechen, ist leider der Entspannung nicht wirklich förderlich. Auch hat er gleich klargestellt, dass er Schläfer umgehend weckt. Zwischen den beiden Entspannungsübungen, die wir heute machen, erzählt er sehr selbstverliebt einige Praxisbeispiele aus seinen Stunden mit ihm besonders gelungenen Imaginationen. Am Ende zählt er uns vorbildlichst in die Gegenwart zurück: vier (sehr leise), drei (leise), zwei (etwas lauter), eins (deutlich laut). Normalerweise gibt es immer hinterher ein Räkeln (alle), ein paar lustige Bemerkungen (meist von mir), oder wir teilen unsere Gefühle (die säuselnde Dame). Der selbstverliebte Therapeut nutzt diese Gelegenheit, um uns wieder zuzutexten. Einer nach dem anderen verlässt aber schon dabei mit bemühter Unauffälligkeit den Raum bis auf zwei Höfliche, die es dann zuhörend voll erwischt – ich bin es nicht.

Nach dem Mittagessen (die leckere Gemüsesauce von gestern gibt es heute als genauso leckere Gemüsesuppe) suche ich den Detensor-Raum auf. Vielleicht ist ja irgendjemand spontan nicht gekommen und ich kann den Platz einnehmen. Statt zu viert sind wir zu zweit und ich hole ein bisschen von dem fehlenden Schlaf der Entspannungs-Gruppe nach.

Dann habe ich wieder mein wöchentliches Konditions-Training im Wasser, auf das ich mich sehr freue. Es wird heute von einer jungen, energisch scheinenden Dame geleitet, die aber wenig inspiriert ist, zu uns ins Wasser zu kommen. 20 Minuten lang lässt sie uns aquajoggen und gibt uns vom Rand aus ein paar lustlose Korrekturen. Den Rest der Stunde überlässt sie einer Praktikantin. Diese ist sehr zart, sehr dünn, sehr lieb, aber den Kinderschuhen noch nicht entwachsen; und sehr schüchtern ist sie auch. Es ist die erste Stunde überhaupt, die sie leitet. Wir haben alle Mitleid. Keiner redet, niemand lacht, alle folgen beflissen den etwas hilflos gegebenen Anleitungen und selbst ich halte mein bisweilen etwas vorlautes Mundwerk schweigend im Zaum, da ich Angst habe, dass das zarte Mädel sonst in Tränen ausbricht. Nach 20 vollkommen humorfreien und sehr langweiligen Minuten dürfen wir noch etwas schwimmen. Die Dame, die die Gruppe eigentlich leiten sollte, hat sich schon längst davongemacht. Das zarte Mädel räumt alleine auf und darf auch noch putzen. Ich nutze die Gelegenheit und spreche sie an. Ja, ihre erste Stunde, ganz aufgeregt, zu wenig Vorbereitungszeit. Mein Lehrerherz schmilzt und ich gebe ihr ganz lieb und fürsorglich einige Tipps aus der Praxis. Ich hoffe, sie sitzt jetzt nicht in ihrem Zimmer und weint.

Das Abendessen besteht heute ausschließlich aus Wurstwaren und Bratfisch. Der mediterrane Aspekt ist mir da irgendwie entgangen - und der Küche der vegetarische. Ich leide nur begrenzt, da mein liebender Ehemann mich üppig mit Hilfsgütern versorgt hat. Andere trifft es härter.

Ein munterer Trupp trifft sich später zwecks Vertiefung der Sozialkompetenz in einer hübschen Lokalität am Schwanenteich. Wir haben sehr viel Spaß. Und mit den Limetten im Cocktail habe ich vermutlich meine heutige Vitamindosis verdreifacht. Um 22 Uhr sind wir zurück (kurz danach ist hier schon Schließzeit). Unser Abschied unten im Foyer, das sehr weitab sämtlicher Zimmer liegt, fällt etwas fröhlich aus. Und prompt gibt es eine deutliche Rüge des Aufsichtspersonals. Der Klinikalltag hat mich wieder.

Veröffentlicht in Sozialkompetenz

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