21.5.2014, Mittwoch

Veröffentlicht auf von Marie

Heute bin ich anarchisch bis krawallig gestimmt. Den Frühsport um 7 Uhr schwänze ich nicht etwa, sondern ich gehe hin! Zielsicher peile ich die erste von Sonnenlicht überflutete Sitzbank an und habe Glück: es ist gleich die erste direkt am Parkeingang. Während die anderen ihre Runden um den Schwanenteich drehen, lümmle ich in der Sonne herum. Die Bank ist groß und breit genug, sodass ich mich genüsslich hinlegen und ausstrecken kann, das Gesicht der Sonne zugewendet. Nach 20 Minuten schließe ich mich entspannt den schwer atmenden Heimkehrern an. Beim Frühstück nehme ich die mediterrane Küche beim Wort und bringe eine Großpackung Cantuccini mit. Diese in Kaffee getunkt ersetzen sinnvoll die Pappbrötchen. Und während ich auf die Chefarztvisite warte, immerhin die zweite in den 16 Tagen, die ich hier schon leide, schreibe ich auch gleich eine Mail an die Rentenversicherung mit einer Verlinkung zu diesem Blog. Aber das interessiert die wahrscheinlich sowieso nicht. Hauptsache, der Statistik geht es gut.

Auf die Visite warte ich gemütlich auf dem Balkon sitzend. Auf dem Nachbarbalkon tummelt sich ein Trupp von Bau-Gutachtern, die lautstark feststellen, dass sich tiefe Risse um das ganze Gebäude herum und an allen Balkonen erstrecken. Meine Fluchtgeschwindigkeit ist trotz meines Knies enorm. Ein medizinisches Wunder?

Die Chefärztin hat heute keine Freude an mir. Auf ihre Frage, ob es mir nach der Zeit hier denn besser gehe, reagiere ich mit deutlichen, aber auch differenzierenden Worten. Sie versucht zu beschwichtigen, indem sie erklärt, dass die MBOR ganz, ganz viel Psychologie mit einbezieht, und das sei ja so wichtig.

„Das nützt meinem Knie und meinem Nacken nichts!“ ist meine sehr entschiedene Antwort. Dann wird hektisch in meiner Akte geblättert, um etwas zu finden, was meine Halswirbel besser hätte unterstützen können. Aber außer sehr spärlicher Manueller Therapie steht da nichts. Was ich denn zuhause so mache? Ich erzähle ein wenig von Rückengymnastik und Pilates und Physiotherapie und Osteopathie und Chiropraktik – das meiste davon wird übrigens hier im Haus angeboten. Sie merkt spitz an, dass ich das aber zuhause bezahlen müsse und hier sei das alles umsonst. Stimmt nicht: hier ist es nicht umsonst, sondern gar nicht.

„Aber die viele Wassergymnastik tut Ihnen doch gut.“

„Die steht aber nur einmal wöchentlich auf dem Plan – und das reicht nicht.“

„Ja, dann sehen Sie zu, dass Sie zuhause an sich arbeiten.“ Und das noch mit beleidigtem Unterton.

Ich besitze noch die Frechheit zu fragen, ob ich überhaupt am Montag noch Programm habe, da am Freitag bereits die Abschlussuntersuchung und sämtliche Schlussrunden stattfinden.

„Natürlich läuft Ihr Therapieplan in vollem Umfang am Montag weiter.“

„Also zum Jogging mit Gehbehinderung.“

Die Dame rauscht von dannen – und der Oberarzt grinst. Im Übrigen bin ich hier die Einzige, der keine Verlängerung empfohlen wurde. Alle anderen wurden bereits in der 2. Woche danach gefragt. Wahrscheinlich bin ich denen hier zu subversiv.

Jetzt bin ich richtig krawallig drauf und schicke die Verlinkung des Blogs gleich an die Uni, die das Konzept entwickelt hat, das in deren Internet-Auftritt eigentlich schlüssig aussieht und bestechend logisch erklärt wird. Ich atme dreimal tief „Baum“ und beschließe, die netten Jungs vom Gerätetraining zu fragen, ob ich statt nachmittags jetzt schon kommen darf. Natürlich – kein Problem. Und ich bin nicht die Einzige, die nach der doch eher knappen Chefarztvisite den gleichen Gedanken hat. Da ich heute noch etwas draußen „wandern“ möchte, schone ich mein Bein und powere mich mit allem aus, was den Oberkörper und den Rücken stählt. Zurück auf meinem Zimmer stelle ich fest, dass ich von der Uni überraschend schnell eine ebenso mitfühlende wie entsetzte Antwort erhalten habe. Genau so sei die MBOR nicht gedacht. Das tröstet mich, nützt aber jetzt auch nichts.

Nach dem Mittagessen (4 kleine halbrohe Kartoffeln mit einer zugegebenermaßen leckeren Gemüsesauce) wage ich mich wieder mit meinen Stöcken hinaus. Das wirklich Schöne ist hier, dass man – egal, in welche Richtung man geht – nach spätestens 200 Metern mitten in der Natur steht. So schreite ich einen wunderschönen Wanderweg entlang, der durch einen Laubwald mit großen Buchen führt. Es riecht nach Sommer und gemähtem Rasen. Kein Mensch begegnet mir. Etwa zwei Stunden bin ich so mit Pausen unterwegs. Ich muss zugeben: das ging vor zwei Wochen definitiv noch nicht. Dann steuere ich meine Lieblingslokalität zwecks ausgiebiger Pause an. Ein wunderbarer Nachmittag!

Beim Abendessen haben wir wieder viel Spaß. Auch der Filialleiter aus dem Sauerländischen hat ein Anekdötchen beizusteuern, hat doch die Manuelle Therapeutin festgestellt, dass er vermutlich einen Beinlängenunterschied hat. Er möge das doch mal weitergeben. Die Chefärztin nimmt es zur Kenntnis und delegiert weiter an den Oberarzt. Später findet der Herr aus dem Sauerländischen einen Zettel auf seinem Zimmer mit einer Uhrzeit, zu welcher er sich beim Oberarzt einzufinden habe, ohne Angabe eines Grundes. Nichtsahnend, dass das lediglich mit dieser Anweisung zusammenhängt, meldet er sich mit schlechtem Gewissen und aufgrund einer Terminüberschneidung sofort, sich wie ein Schuljunge fragend, ob er wohl etwas angerichtet habe.

Nein, das sei jetzt terminlich ungünstig, bescheinigt ihm der übellaunige Oberarzt, es gehe auch nur um das Ausmessen. Vielleicht heute Abend?

Wie lange denn das dauere?

Ja, so 5 Minuten vielleicht. Oder auch 15 Minuten.

Ja wie lange denn?

Ach, soll das doch die manuelle Therapeutin erledigen, wenn Sie das nächste Mal zu ihr gehen. So reicht er das Problem an den Ausgangspunkt zurück und fügt seinen Lieblingssatz an: „Da kann man sowieso nichts machen“.

Und damit ist der Filialleiter aus dem Sauerländischen entlassen. Er hat sich übrigens entschieden, trotz dringlicher medizinischer Empfehlung den Aufenthalt hier nicht zu verlängern.

Abends noch 40 Bahnen im Schwimmbad – dann reicht es auch für heute. Oooooops, ich habe die Detensor-Liege vergessen. Da kann ich jetzt auch nichts machen.

Veröffentlicht in Krawallige Stimmung

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