20.5.2014, Dienstag

Veröffentlicht auf von Marie

Es gibt Schlimmeres als Frühsport um 7 Uhr, nämlich Sozialrecht um 8. Nach einem wegen Aufstehtrödelns etwas hastigem Frühstück, das wegen seiner Kargheit im Grunde nicht einmal diesen Aufwand lohnt, sitze ich einmal mehr im Seminarraum und lasse die geschult freundliche Begrüßung der inzwischen dritten Sozialpsychologin über mich ergehen. Nachdem Sie die Anwesenheit kontrolliert und die Inhalte der kommenden Stunde kurz vorgestellt hat, fragt sie nach Rückfragen. Mein Finger schnellt hoch „Das hatte ich schon! Kann ich gehen?“ Sie guckt etwas befremdet und sagt nach kurzer und sprachloser Fassungslosigkeit: „Ja klar. Betrifft das noch jemanden?“ Ein Wald von Händen erhebt sich. Wir bekommen die nötige Unterschrift – und schon hat sich die Gruppenstärke halbiert.

Mit den Unterschriften ist das so eine Sache. Einerseits dient das der Befindlichkeitskontrolle – wenn jemand nicht kommt, wird sofort im Zimmer nachgeguckt, ob man nicht vielleicht in einer hilflosen Lage ist – andererseits wurde uns gleich zu Beginn mitgeteilt, dass die regelmäßige Teilnahme Voraussetzung ist, um zu einem späteren Zeitpunkt vielleicht wieder einmal eine Reha genehmigt zu bekommen. Im Grunde ist es wie Schule – nur mit weniger Spaß.

Die so entstandene Pause nutze ich zu ausgiebigem Smalltalk mit den anderen „Entkommenen“. Danach habe ich etwas Neues auf dem Therapieplan: MBOR-Training. Wieder geht es in den muffigen Keller. Zu fünft coacht uns eine Physiotherapeutin. Sie macht mit uns uns etliche kleine Übungen zur Dehnung und Muskelentkrampfung, die wir bei langem Sitzen ohne viel Zeitaufwand und sehr unauffällig anwenden können. Auf Nachfragen kann sie weitere Tipps geben, aber auch die Grenzen aufzeigen, die eine Physiotherapie in der Gruppe nun mal hat. Vieles ist mir bekannt, aber nicht alles – und gerade das Unbekannte kann ja für eine Verbesserung sorgen. Leider gibt es innerhalb der drei Wochen nur ein einziges Mal diese 45 Minuten – und das zu fünft. Rein rechnerisch habe ich 6,66 mal mehr Sozialrecht. Und das in der Orthopädie!

Anschließend geht es zu meiner Lieblingstherapeutin, der säuselnden Dame in der Entspannungsgruppe. Bestens präpariert nehme ich gleich mein Kopfkissen mit. Auf den etwas betretenen Blick der säuselnden Dame reagiere ich prompt und entschuldige das Kopfkissen mit meinen Rückenproblemen. Und wieder zieht uns die Dame in ihren hypnotischen Bahn. Ihre geschulte und sehr langsame Stimme versenkt mich umgehend an den Rand eines nahezu narkotischen Tiefschlafes. Eines muss ich zugeben: diese Therapie wirkt! Selbst die Umgebungsgeräusche – heute haben wir einen Schnarcher, einen Schnaufer, einen Pupser – sind mir sehr schnell sehr egal. Auch beim Mittagessen (trockene Spaghetti mit trocken angebratenen Zucchini) habe ich noch Mühe, die Augen offen zu halten.

Heute schwänze ich (jawohl!) meine Zeit auf der Detensor-Liege, um bei dem schönen Wetter mal nach draußen zu gehen. Ich plane eine Wanderung, oder zumindest das, was in meinem Zustand dem nahe kommt. Ich tausche meine Sportkleidung gegen etwas Buntes, trage ordentlich Lippenstift auf, nehme meine Nordic-Walking-Stöcke und marschiere los. Das Tempo ist nicht unbedingt stramm, dafür der Gang anatomisch korrekt, was derzeit das Wichtigste ist. Nach fünf Minuten habe ich mein Etappenziel erreicht: die Terrasse des hiesigen ehemaligen Grand Hotels, in dem ich mit meinem liebenden Ehemann vorgestern so göttlich speiste. Die nächsten anderthalb Stunden genieße ich dort im Sonnenschein eine ansprechende Lektüre (den Mode-Teil einer internationalen Lifestyle-Zeitschrift) und konsumiere die Seele stärkende Getränke. Ich bin nicht alleine. Einige bekannte Gesichter aus der „Anstalt“ hatten einen ähnlichen Gedanken, die Damen bei Sahnetorte mit Kännchen Kaffee, die Herren bei Bier. In einem weiten Bogen „wandere“ ich zurück mit vielen Pausen auf den hier sehr üppig verteilten Sitzbänken. Herrlich!

Auch nach dem Abendessen (karg) sitze ich noch in der Sonne. Später bin ich so müde, dass ich nur noch 20 Bahnen schwimme und früh ins Bett gehe.

Veröffentlicht in Sonnenschein

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