19.5.2014, Montag

Veröffentlicht auf von Marie

7 Uhr Frühsport an einem Montagmorgen, ist so etwas überhaupt legal? Leider hält sich das Wetter draußen nicht im geringsten an die Wetter-App, die Sonne anzeigt. Es ist bewölkt, feucht und wie jeden Tag saukalt. Mein Knie tut weh. Ich quäle mich mühsam und frierend um den Schwanenteich, während weit Ältere zügig und fröhlich an mir vorbeiziehen. Es ist total frustrierend. Und mitten im Grünen stehend breche ich spontan in Tränen aus. Nach der Manuellen Therapie geht es besser. Die Dame nimmt sich ebenso liebevoll wie kundig meines Oberschenkels an. Ab und zu sagt sie fassungslos „o ja“ und ich frage „so schlimm?“ und sie sagt „na ja“.

Manches relativiert sich hier, wenn man andere Schicksale sieht. Hier gibt es ein älteres Ehepaar, er einbeinig im Rollstuhl sitzend, sie blind. Sie schiebt ihn durch die Gegend und er sagt an:

„Links!“

Dong – der Rollstuhl kracht gegen die Fahrstuhlwand.

„Mehr rechts!“

Dong – der Rollstuhl kracht gegen die andere Fahrstuhlwand.

„Du musst sagen, was ich machen soll.“

„Du hörst ja sowieso nicht zu.“

„Wo soll ich jetzt hinschieben?“

„Fahr einfach los“

Und laut schimpfend mit erheblichen „Dongs“ ziehen die beiden ihres Weges. Im Reich der Rollatoren und Rollstühle ist der/die mit dem Gehstock König.

Mit meinem Knie frage ich vorsichtshalber nach einem Termin beim übellaunigen Oberarzt. Arzttermine klappen hier immer sehr schnell und unproblematisch. Schon 15 Minuten später sitze ich bei ihm im Zimmer und schildere mein Problem.

„Sie sollten Ihr Knie schonen.“

„Also soll ich das Geräte-Training ausfallen lassen?“

„Nein. Wichtig ist es in Ihrer Situation, das Knie zu fordern und zu belasten.“

„Ja was jetzt?“

„Nehmen Sie halt mehr Schmerzmittel.“

Ich schweige erstaunt. Und weiter geht’s:

„Waren Sie beim Frühsport?“

„Selbstverständlich!“

„Da sind Sie selbst schuld.“

„Aber das steht doch in meinem Plan.“

„Sie sind erwachsen – und wenn Sie keine Lust haben, bleiben Sie einfach im Bett.“

„Das ist gar nicht verpflichtend?“

„Natürlich nicht! Aber wenn wir das allen erzählen würden, geht natürlich kein Mensch mehr hin.“

Dann frage ich noch nach dem Reizstrom.

„Den brauchen Sie gar nicht. Wer hat Ihnen denn den verschrieben?“

„Sie!“

„Bestimmt nicht.“ Er wühlt in den Akten, guckt im Computer und sagt:

„Stimmt, das habe ich Ihnen verschrieben, das ist aber falsch.“

„Und jetzt?“

„Machen Sie einfach weiter damit.“

„Aber wenn das falsch ist?“

„Das ist sowieso egal.“

Verwundert ziehe ich von dannen. In der Mucki-Bude frage ich mal die entspannten Herren, was ich jetzt tun soll. Umgehend bekomme ich ein Alternativ-Programm serviert, das für heute den Oberschenkel vollkommen ausspart. Man empfiehlt mir Schonung in der Belastung und als Ausgleich heute Abend mehr Zeit im Schwimmbad. Klingt vernünftig.

Im Detensor-Raum erwartet mich heute der pure Horror. Schon im Flur begegnet mir eine Dame, die ein etwas strenges Odeur umgibt. Im kleinen und ungelüfteten Raum trifft mich fast der Schlag. Natürlich ist es tragisch, wenn jemandem der Fußgeruch in den Genen liegt. Aber hier paart sich offensichtlich eine unpassende Vorliebe für enge Polyester-Strümpfe mit einer unguten Abneigung, diese auch mal zu wechseln. Was da in dichten Schwaden durch den Raum wabert, ist waffenscheinpflichtig. Ich reiße alles zur Belüftung auf, was aufreißbar ist – und friere wieder einmal vor mich hin. Ich nutze die Zeit, um an meiner Ausatmung zu arbeiten.

Auf meinem Weg zum Zimmer höre ich – wie täglich um diese Zeit – merkwürdige Klänge. Das Foyer ziert nicht nur ein sich über vier Stockwerke erstreckender künstlicher Baum, sondern auch eine Art großer Gong. Dieser wird zu bestimmten Zeiten von der hier tätigen Musiktherapeutin, einer sehr beflissenen Dame mit etwas verkniffenen Mundwinkeln, bespielt. Mit einem ganzen Arsenal verschiedener Klöppel und Schlägel entlockt sie mit heiligem Ernst der riesigen Metallscheibe erstaunlich vielseitige Klänge. Eine angefügte Informationstafel preist die gesundende Wirkung der Gong-Klänge und das umfassend ganzheitliche Konzept. Leider ist aber der Gong kein Gong, sondern ein Tamtam. Instrumentenkunde, 1. Semester.

Ansonsten ist der Tag eher durch Ruhe und Hochlegen und Kühlen des Knies bestimmt. Abends geht es, wie von den Sporttherapeuten empfohlen, ins Schwimmbad. Die ersten Bahnen sind mühsam, die nächsten etwas anstrengend, aber mit jedem Meter wird die Muskulatur entspannter und das Knie freier in der Bewegung. Nach einer Stunde kann ich einigermaßen schmerzfrei wieder gehen. Wenigstens die Sportler sind hier Profis. Leider ist die „Limonade“ (weintraubenbasiertes Getränk mit Kohlensäure), die mir eine mitfühlende Seele aus der Heimat hat zukommen lassen, schon alle. Aber ich habe noch eine Packung Kirschlikörpralinen unter meiner Unterwäsche versteckt. Mit dieser geistigen Stärkung verschwinde ich jetzt in mein Bett.

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Heide Seele 05/20/2014 14:06

Liebe Marie, habe eben mal wieder Deinen Erlebnisbericht gelesen. Ich würde ihn (und die anderen) an das Deutsche Ärzteblatt senden. Wenn der dort diensthabende Redakteur Humor hat, druckt er ihn ab. Die sollen gar nicht schlecht zahlen, habe ich gehört.
Na, denn mal weiter so, den Humor nicht verlieren und trotz alledem gute Besserung!
Viele Grüße
Heide