18.5.2014, Sonntag

Veröffentlicht auf von Marie

Nun ist er wieder abgereist, der bestmögliche aller liebenden Ehemänner. Bis dahin hat er aber nur gestaunt: dass das Haus sich sehr bemüht, sowenig wie möglich nach Klinik auszusehen mit lichtdurchflutetem Foyer und den hellen großzügigen Zimmern, gefiel ihm gleich sehr. Auch der Schwimmbadbereich überraschte positiv. Der totale Schocker war die Qualität (ist hier das Wort überhaupt angebracht?) des Essens. Auf jedem Tisch stehen hier kleine Zierhütchen aus Pappe ebenso störend wie belanglos herum, auf denen ausdrücklich das Gesunde der Mediterranen Küche angepriesen wird. Dieser ist nämlich das Haus verpflichtet. Ein großformatiges Bild mit einer entsprechenden Essens-Pyramide ziert den Gang zum Speisesaal und überall sind Flyer verteilt, in denen der „reichliche Verzehr von Obst und Gemüse verfeinert mit vielen frischen Kräutern“ propagiert wird. Und was landet auf dem Buffet? Peinlich billige Wurstwaren, Kartoffel-/Nudel-/Reis-Salate, die in fettiger Mayonnaise ertrinken, Bratwürste, Eier, die nach Fischmehl schmecken, Graubrot in zahlreichen Varianten und nichts, wirklich nichts Frisches. Vom Mittagessen habe ich mich deshalb heute abgemeldet – nicht, dass hier der Alarm ausgelöst wird! - zwecks Erkundung der hiesigen Gastronomie. Zielsicher zog es uns in das Kur-Mutterhaus des beschaulichen Ortes, ehemals ein Grand-Hotel der Jahrhundertwende, jetzt zu einem Viersterne-Hotel saniert unter Beibehaltung der nostalgischen Atmosphäre. Wir speisten köstlich: Spargel (frisch, nicht aus dem Glas!), Erdbeeren (vom Feld, nicht matschig aus der Dose), Rucola mit Balsamico-Topping, Wildlachs, dazu üppige Nachspeisen und Wein aus dem Saale/Unstrut-Gebiet. Der Tisch war liebevoll gedeckt, mit Leinenservietten, Kerzenhaltern, frischen Blumen und einer ganzen Batterie penibelst sauberer und schön geformter Gläser. Mir standen Tränen der Rührung in den Augen angesichts der Schönheit und Köstlichkeit. Eigentlich war es ein normales Essen für ein Restaurant mit einem gewissen Standard, aber angesichts der Zustände in der Reha-Klinik wähnte ich mich im irdischen Paradies.

Morgens hatten wir schon Schloss Altenstein erkundet. Das vollmundig als Renaissance-Schloss gepriesene Bauwerklein entpuppte sich als reinrassige Jahrhundertwende-Neorenaissance. Wunderschön fügt es sich in den großen englischen Landschaftspark ein. Der gepflegte Rasen mit dem großartig alten Baumbestand geht in einiger Entfernung in üppig blühende Wildblumenwiesen über, deren lange Gräser sanft im Wind wogen. Durch vereinzelte alte und große Buchen geht der Blick in die Weite über das Werra-Tal bis hinüber zur Rhön. Wir waren dort ganz alleine und genossen das Zwitschern der Vögel und das Summen der Insekten. Wie weit ich inzwischen gehen kann, hat mich selbst überrascht. Aber die Wege dort sind typische Seniorenpfade mit Sitzgelegenheiten alle paar Meter.

Heute abend bin ich jedoch eher weltschmerzgestimmt. Der liebende Ehemann wieder weit weg habe ich keine Lust zum Schwimmen. Es regnet schon wieder. Widerwillig stelle ich den Wecker sehr, sehr früh für den Frühsport.

Veröffentlicht in Weltschmerz

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