15.5.2014, Donnerstag

Veröffentlicht auf von Marie

Zum Jogging um 7 Uhr komme ich bestens präpariert. Mit mehreren Lagen Unterwäsche, einer Unterlage zum Sitzen, Müsliriegeln in der Tasche und meinem Handy habe ich vor, die nächste Bank anzupeilen und dort meinen Bildungs-Horizont zu erweitern, sprich: mein Ranking bei Quizduell zu verbessern. Weit gefehlt! Heute ist der junge Sporttherapeut an der Reihe – und der hat noch Ehrgeiz. Alle, die gut zu Fuß sind, schickt er alleine los und kümmert sich dafür rührend um die „Versehrten“; das sind: der Umweltschutzbeamte, der sich heute fast gar nicht mehr rühren kann, und ich. Er kontrolliert mein Gangbild und stellt viele Fragen zur Krankengeschichte und meinen Anwendungen. Nach 15 Minuten schickt er mich zurück, weil er sieht, dass ich an der Grenze bin und stellt mir in Aussicht, mein Geräte-Training noch optimaler an mein Problem anzupassen. Am Vormittag gibt es ansonsten wieder Vorträge. In Sozialrecht lerne ich, wie ich einen Antrag auf Schwerbehinderung stelle – toi, toi, toi! - und in der Schmerz-Gruppe, wie wichtig es ist, meinen Schmerz zu akzeptieren und positiv zu denken. Zwischendurch gehe ich wieder nörgeln. Das macht mir inzwischen richtig Spaß. Und da ich nicht die einzige bin, die mit den Abläufen so unzufrieden ist, haben wir heute sogar frische Merkblätter in unseren Zimmern vorgefunden, auf welchen nochmal eindringlich die Vorteile des MBOR-Konzeptes erläutert werden. Nach dem gestrigen Tag und mit Blick auf das schmerzverzerrte Gesicht des Umweltschutzbeamten habe ich aber ein wenig Angst, dass der Oberarzt sich auf mich draufsetzt, deshalb gehe ich zum Nörgeln an die verschiedenen Rezeptionen und versuche, eine Lösung für das Problem mit den Batterien für mein Stromgerät zu finden. Natürlich erfolglos.

Am Mittagstisch bekomme ich statt der bestellten Gemüsebratlinge einen Hackfleisch-Auflauf in Sahnesauce, den ich postwendend zurückgehen lasse. Mir wird mitgeteilt, dass ich nicht einfach auf vegetarisches und laktosefreies Essen wechseln könne, das hätte ich mitteilen müssen und jetzt habe ich eben Pech, mehr gäbe es nicht. Dass meine Essensvorlieben seit dem ersten Tag dick und fett auf meiner Tischkarte stehen und mein Plan mit dem Koch abgesprochen ist, hat sich wohl nicht bis zur Küche herumgesprochen. Da ich mal wieder spät dran bin, sind auch die Salate alle. Wider Erwarten wird mir dann plötzlich ein in Milchprodukten schwimmender Gemüse-Auflauf serviert. Ich esse vorsichtshalber nur wenig davon. Im Haus gibt es auch eine Lehrküche, in die vorzugsweise mittelalte, alleinstehende Herren mit der Tendenz zu Übergewicht geschickt werden. Dort lernt man, gesunde Mahlzeiten zu planen, sinnvoll einzukaufen und dann Entsprechendes zuzubereiten. Zwei dieser Herren sitzen bei mir Tisch und parlieren aus dem Nähkästchen. Sie haben dort gelernt, dass es diese ganzen Allergien und Intoleranzen gar nicht gäbe – das sei alles ja nur eingebildet, was die zwei Herren übrigens selbst nicht glauben. Schnell verschwinde ich auf mein Zimmer, um einen ganz und gar nicht eingebildeten Durchfall abzusitzen.

Etwas entkräftet komme ich zur Entspannungsgruppe, die heute von einer zierlichen Dame mit sehr langsamer und leise säuselnder Stimme geleitet wird. Wir legen uns hin und unternehmen eine Körperreise. Wir atmen tief und entspannt und lassen wohlige Wärme durch uns strömen, durch den Kopf, den Nacken, dann wieder atmen und wohlige Wärme durchströmt die linke Schulter und den Oberarm und atmen und wohlige Wärme............... Irgendwann werde ich von der säuselnden Dame sanft geweckt – und bin bei Weitem nicht die Einzige. Ich heuchle ansatzweise Zerknirschung. Nach dieser doch sehr schnell vergangenen Stunde habe ich Rückenschule mit dem Thema „Schlafen“. Wir lagern uns bequem auf den Boden und probieren unter Gelächter wieder viel aus, diverse Kissen und Haltungen und Hilfsmittel. Einige sehr erhellende Anregungen nehme ich mit, die ich auch sicher zuhause weiter pflegen werden. Denn so ein Schlaf ist ja doch etwas Wichtiges! Dann geht es noch etwas schlaftrunken 40 Minuten still liegend auf die Detensor-Liege, die ich im Grenzbereich zwischen viertelwach und komatös verlasse. So entspannt wie nach diesem Nachmittag bin ich selten gewesen. Selbst das abgegraste Buffet am Abend ist mir völlig egal. 20 Minuten auf dem Bett mit der „selbständig anzuwendenden Strombehandlung“ folgen. Mich für Schwimmbad und Sauna zu motivieren fällt mir erstmalig richtig schwer. So schwimme ich sehr gemütlich ein paar Bahnen. Noch so ein Tag und ich mutiere zur Pool-Nudel-Dame. In der Sauna rette ich noch schnell eine des Saunierens unkundige russische Dame, die nach einer halben Stunde im Badeanzug auf der obersten Bank kollabiert. Dann geht es gemütlich und laaaaaaangsam in mein Bett.

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