14.5.2014, Mittwoch

Veröffentlicht auf von Marie

Voll mieses Karma heute. Da ich um 8 Uhr schon Konditionsschwimmen habe, muss ich früher zum Frühstück. Schon im Aufzug begegne ich einer weinenden Dame, der ich aber leider nicht weiterhelfen kann. Beim Frühstück wird mein laktosefreier Joghurt vergessen – vom Servicepersonal weit und breit keine Spur. Wegen Trödelns beim Aufwachen bin ich obendrein ein wenig in Eile. So sitze ich vor meinen trockenen Haferflocken (laut Infoschild habe ich 104 Kalorien im Schälchen), gebe aber den Versuch, das Ganze trocken runterzubringen, schnell auf. Recht rabiat verdoppele ich die Kalorienzahl mit etlichen Päckchen Kristallzucker, kippe Kaffee drüber, löffle es mäßig genießend, packe schnell ein Brötchen für nach dem Schwimmen ein und muss auch schon los. Beim Umziehen breche ich mir schmerzhaft einen Fingernagel ab.

Heute bekommen wir Wasserhanteln. Diese sind extrem leicht, haben aber einen starken Auftrieb, sodass es echt anstrengend ist, sie unter Wasser zu bewegen. Der entspannte Sportlehrer macht mit uns eine Vielzahl unterschiedlichster Kraft-, Balance- und Koordinationsübungen für diverse Muskelgruppen. Ich habe natürlich meinen besonderen Spaß an allem, was ich mit meinem linken Bein absolut noch gar nicht kann und einige male falle ich fröhlich prustend um.

Schlichtweg aus Prinzip gehe ich danach wieder bei der Stationsschwester und dem Oberarzt nörgeln. Die versprochenen Änderungen (mehr Konditionstraining im Wasser und mehr Gerätetraining) sind schon wieder nicht in meinem Therapieplan berücksichtigt. Zwei Anordnungen und drei Ausdrucke später erscheint immer weniger auf meinem Plan; der Oberarzt gibt entnervt auf. Es wäre sowieso sinnvoller, dass ich mich mehr schone. Dann frage ich nach Yoga, denn viele hier erzählen begeistert von dem Kurs. Der sei nur für die Psychosomatik, erfahre ich und dürfe – genauso wie Manuelle Therapie und Massagen – in der Orthopädie nicht verordnet werden. Nicht zum ersten Mal denke ich sehnsüchtig an meinen genialen Pilates-Trainer zuhause.

Anschließend geht es mit einer hastigen Handvoll Gummibärchen in den Geräteraum; auch heute darf ich statt 30 Minuten anderthalb Stunden bleiben. Auf die darauffolgende „Einweisung in die Detensorliege“ bin ich sehr gespannt, kann ich mir doch so gar nichts darunter vorstellen. Die Detensor-Liege ist eine spezielle kurze Schaumstoff-Matratze für den Rücken, die auf dem Boden liegt; durch das eigene Körpergewicht werden sanft die Wirbel gedehnt. Ein spezielles Kopfteil unterstützt das im Nacken. In einer winzigen und schlecht belüfteten Dach-Kammer liegen drei von diesen Matratzen nebeneinander: eine für eher starkgewichtige Menschen und zwei für Normale. Mein Finger geht natürlich als erstes hoch, als gefragt wird, wer mal probeliegen möchte. Ich merke schnell, dass meine Körpermaße nicht besonders gut auf die Liege passen; auch das Nackenteil arbeitet eher gegen meine Anatomie. Neben mir probeliegt der Filialleiter aus dem Sauerländischen, der um einiges kürzer ist als ich. Er seufzt vor Behagen, während ich schüchtern nachfrage, ob sich das Ganze nicht besser an meine Länge anpassen lässt. Nein, beruhigt mich die Dame, die Liegen passen einheitlich für absolut jede Größe und es sei jetzt ganz, ganz wichtig, dass ich lerne, meine Gefühle zuzulassen. Täglich soll ich jetzt 40 Minuten zu festgelegten Zeiten auf dieser Matratze bewegungslos liegend verbringen. Check-Liste für den liebenden Gatten: meinen iPod mit den Hörbüchern mitbringen. Aber vielleicht ist das auch eine prima Gelegenheit, meinem Atem nachzuspüren und „Baum“ zu denken. Beim Aufstehen wird mir schwarz vor Augen.

Das Mittagessen ist karg und mein Zimmer schon wieder nicht geputzt. Auch der für zweimal die Woche angekündigte Handtuchwechsel findet wohl nur woanders statt. Aber wenigstens in der Rückengruppe geht es sehr fidel zu und ich lerne, die Vorteile eines Still-Kissens zu nutzen. Einer der Teilnehmer, ein vollschlanker Umweltschutzbeamter mit Bandscheibenproblematik, kommt ein wenig blass um die Nase zu spät, weil er noch einen Termin beim Oberarzt hatte. Dieser hat sich zur Lösung der Rückenwirbel einfach auf den armen Kerl draufgesetzt, der jetzt überhaupt nicht mehr sitzen kann. Er hoffe aber auf baldige Besserung, weil es so schön laut geknackt habe.

Endlich ist auch mein Gerät zur Elektrostimulation mit der Post gekommen. Schnell und unkompliziert werde ich über die Anwendung aufgeklärt. Dass die Batterie bei der mir verordneten Stromintensität nicht lange hält, wird auch erwähnt. Leider ist kein aufladbarer Akku dabei, sondern nur eine einzelne altertümliche Blockzelle. Wie ich hier im doch eher ländlichen Raum entsprechenden Nachschub bekommen soll – oder gar einen Akku in der richtigen Größe – ist mir schleierhaft. Die hilfreichen Stromanwendungen sind mit dem heutigen Tag aus meinem Plan gestrichen, weil ich diese ja jetzt selbstständig anwenden kann. Check-Liste: liebenden Ehemann um Hilfe bitten.

Eigentlich habe ich nachmittags schon wieder einen Sozialrecht-Vortrag. Ich treffe die junge und noch etwas unerfahrene, aber sehr nette Sozialpsychologin auf dem Flur und frage sie mit Unschuldsmiene, was denn so dran sei. Sie gibt mir prompt frei, da ohnehin nur der Stoff wiederholt wird – es würde reichen, wenn ich in die Donnerstagsgruppe komme. Mein mieses Karma wendet sich.

Dann geht es auf die Detensor-Liege. Das darf ich jetzt in Eigenregie zu den mir zugeteilten Zeiten. Dafür muss ich mir dann auch keine Unterschrift auf den Therapieplan holen wie sonst bei allen Anwendungen. Auf dem Weg dorthin begegne ich der Abteilungsleiterin für Schuhe, die gerade mit schmerzverzerrtem Gesicht von dort kommt. Sie hat alles genau nach Anleitung gemacht und ist nach 40 unangenehmen Minuten wie gerädert. Wie sie hadere ich mit dem Schaumstoff und meiner Körperlänge. Habe ich die Lendenwirbel anatomisch korrekt gestützt, zwickts im Nacken und mein Kopf stößt fast an die Wand; liegt mein Kopf korrekt, hängt mein Po am unteren Ende im Freien. Ich entscheide mich für den Hängepo. Auch die Arme strecke ich nicht vorschriftsmäßig aus, sondern lege sie nach oben, um etwas dem Nacken entgegenzukommen. Der Raum ist schlecht beheizt und aus dem Dachfenster zieht es ungut. Leider ist die zur Verfügung gestellte Decke eklig versifft, was mich angesichts des Hygiene-Wahns hier im Haus schon sehr wundert. Kurzentschlossen funktioniere ich meine Handtuchunterlage zur Decke um und falle erstaunlicherweise in einen kurzen und sehr erholsamen Schlaf, aus dem ich vor Kälte zitternd erwache. Auch eine Stunde später ist mir noch kalt und da ich heute schon schwimmen war, bleibe ich heute Abend einfach im Bett und stricke an den neonorange-weißen Ringelsocken, die mein Neffe merkwürdigerweise ganz ausdrücklich für seinen anstehenden 16. Geburtstag bei mir bestellt hat.

Veröffentlicht in Alltag

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