13.5.2014, Dienstag

Veröffentlicht auf von Marie

7 Uhr Frühsport. Ich freue mich auf den Sportlehrer und komme gut gelaunt zum Treffpunkt. Der Frühsport enttarnt sich als Jogging-Gruppe. Habe ich erwähnt, dass ich gehbehindert bin? Ich stehe dort also etwas verloren mit meinem Gehstock herum und erfahre, dass ich alternativ auch ein Power-Walking machen kann. Dreimal um den See herum. Der freundliche Sportlehrer sagt mir, ich soll machen, was ich kann und das bitte in meinem eigenen Tempo und das eine halbe Stunde lang. Leider gehöre die morgendliche Laufgruppe zur Standardverordnung – ich möge einfach das Beste daraus machen. Schon am Ende der Auffahrt habe ich den Rest der Gruppe aus den Augen verloren. Hunger habe ich auch. Mein Geist ist jetzt richtig auf Anarchie gebürstet und ich beschließe, es so zu machen, wie in meiner Jugend im Sportunterricht: ich peile die nächste Bank an und lasse mich dort nieder, um abzuwarten bis das hier vorbei ist und wenn die Gruppe auf dem Rückweg an mir vorbeikommt, stehe ich auf und tue erschöpft. Leider hat es letzte Nacht geregnet und die Holzbank ist unangenehm feucht. Es ist so kalt, dass sich weiße Atemluftwölkchen zeigen. Also doch bewegen. Nach einer Viertelstunde kann ich nicht mehr. Normales Gehen ist unmöglich, ich humple wieder stark und die Muskeln an meinem linken Oberschenkel zittern. Na prima! Die nächsten 10 Minuten stehe ich in der Kälte am Teich und beobachte die Schwäne, bis endlich signalisiert wird, dass jetzt Schluss ist. Ich stürze zum Frühstück. Die Damen an meinem Tisch nörgeln im Trio, dass sie schon wieder zugenommen haben. Jetzt klinke ich mich doch mal in das Gespräch ein und frage, wie das bei der Reduktionsdiät zu schaffen sei. Ganz einfach: nach den Therapien gehen die drei erst einmal in das nächste Café zwecks Zufuhr von Sahnetorten. Danach ein Fußmarsch zum örtlichen Metzger, der ihnen für den Abend ein Paket mit Wurstwaren zusammenstellt. Dann reden sie - wie so oft – ausführlich über ihre Filz-Eier. Diese werden in der Ergotherapie aus Filzwolle hergestellt, indem tausende von Malen mir einer Nadel in den Filz gestochen wird. Am Ende hat man dann ein Ei aus Filz ohne jeden erdenklichen Zweck. Ich beschließe spontan, das Servicepersonal zu fragen, ob ich den Tisch wechseln darf.

Nach der Reizstrom-Behandlung geht es in die Schmerzgruppe. Hier sollen wir lernen, den Schmerz besser zu verstehen und zu akzeptieren. Wir sind zu zehnt. Schon wieder gibt es einen Vortrag mit eindrucksvollen Bildern und Grafiken; der Unterschied ist nur, dass wir ausdrücklich aufgefordert werden, zwischendurch nach Bedarf aufzustehen und uns zu bewegen. Dazu kommt noch die übliche Reihum-Vorstellung. Da ich die langatmigen Darstellungen sicher gravierender Krankheitsgeschichten inzwischen fürchten gelernt habe, melde ich mich schnell, damit ich anfangen darf und erledige meine Vorstellung kurz, knapp, präzise. Alle staunen mich an. Vorbildfunktion hat es dann leider doch nicht. Als nach der Medikamentierung von Schmerzmitteln gefragt wird, bin ich unangefochtener Spitzenreiter. Einfluss auf meinen Therapieplan hat das aber leider nicht.

Danach kommt eine positive Überraschung. Ich habe Manuelle Therapie und die Therapeutin versteht ihr Handwerk richtig gut. Sie wundert sich, dass ich überhaupt keine Massagen und nur sehr wenige Termine mit Manueller Therapie habe, denn mein Befund sei ja doch recht massiv. Aber mit dem MBOR sei das ja so eine Sache. Obwohl sie es normalerweise nicht darf, weil sie die Patienten hier nur kurz behandelt, gibt sie mir zumindest eine Übung mit auf den Weg, um meinen Unterkiefer und damit die Halswirbel vielleicht ein wenig mehr dahin zu bringen, wo er hingehört. Ich freue mich auf den nächsten Termin mit ihr.

Dann geht es in meinem heute überraschend vollen Therapieplan zur „Arbeitsplatzgestaltung“. Das entpuppt sich als Einzeltermin, bei welchem Menschen, die Bürojobs haben, ergonomisches Sitzen näher gebracht werden soll. Ich habe aber keinen Bürojob. So ist dieser Termin ziemlich schnell vorbei. Mein Hinweis, dass ich recht viel sitze, während ich korrigiere, wird überhört. Auf Schreiben mit einem Stift in der Hand ist man hier nicht eingestellt. Ich erhalte noch ein Merkblatt mit „Tipps zur besseren Einrichtung des Büroarbeitsplatzes“ und das war´s.

Zum Mittagessen sitze ich jetzt am lustigen Nebentisch. In angenehmster Gesellschaft und mit viel Gelächter vergeht die Zeit im Nu. Mir fällt kaum auf, dass ich mit den wenigen, trockenen Bandnudeln und einigen Karottenstücken wieder nicht satt werde. Glücklicherweise kam heute von meinem liebenden Ehemann ein Care-Paket. Neben einem Gürtel enthält es viele Müsliriegel, Gummibärchen und Lakritzschnecken. Danke Schatzi!

Die Zeit im Gerätetraining geht wieder viel zu schnell vorbei. Ohnehin bleibe ich immer länger. Die entspannten Therapeuten dort merken, dass ich mehr Zeit brauche und laden mich ein, gerne auch mal eine halbe Stunde früher zu kommen oder noch länger zu bleiben. Genauso sollte es eigentlich sein! In der Rückenschule üben wir anschließend 60 Minuten lang, aufrecht zu sitzen. Spätestens jetzt hat wirklich jeder in der Gruppe Rückenschmerzen.

Der nette Bademeister, der im Hintergrund immer sehr dezent gefällige Pop-Musik laufen ließ, ist in Urlaub. Seine Vertretung ist eine mittelalte Dame mit einer unseligen Vorliebe für volkstümelnde Weisen mit hohem Anteil an wahlweise Summchor oder alpenländischem Blech. Der erdrückenden Lautstärke kann ich selbst unter Wasser kaum entkommen. Im Grunde ist so etwas Körperverletzung! Als dann noch ein Trupp ältlicher Pool-Nudel-Damen anfängt, lautstark mitzusingen, ist meine Schmerzgrenze entschieden überschritten. Ich flüchte in mein Zimmer, um noch ein wenig zu lesen, zu schreiben und dem Regen vor dem Fenster zuzuhören.

Veröffentlicht in Drama Gesundheit

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