12.5.2014, Montag

Veröffentlicht auf von Marie

Der erste Blick auf meinen neuen Therapieplan ist vielversprechend. Der Wochenplan umfasst ganze anderthalb Seiten. Täglich habe ich jetzt eine Reizstrombehandlung – zumindest bis das von der Krankenkasse georderte Tens-Gerät da ist; dann bin ich „selbstständig“. Auch die Rückenschule erwartet mich täglich um 15 Uhr. Zweimal habe ich Sozialrecht-Gruppe, aber nur einmal das Ausdauer-Training im Wasser. Die Hilfsmittel, die dort genutzt werden, darf ich mir leider beim abendlichen Schwimmen nicht ausleihen; danach habe ich den netten Bademeister schon gefragt. Und das Sozialrecht sitze ich dann eben ab, wie ein Teil meiner Schüler meinen Unterricht: freundlich lächelnd und mit offenen Augen schlafend.

Aber erst einmal muss ich den ganzen Morgen im Zimmer bleiben, denn der einzige Punkt auf meinem Plan ist am Vormittag die Oberarztvisite. Der übellaunige Oberarzt ist für einen Montag erstaunlich aufgeräumt, geht mit mir den Therapieplan durch, notiert meine Wünsche (bitte mehr!), kann aber nichts versprechen, weil alles standardisiert – jaja, ich weiß. Auf meinen Hinweis, dass ich eigentlich zu viele Schmerzmittel nehme erhalte ich die lapidare Antwort: „ dann ist es so.“ Irgendwie hat er damit ja Recht. Den Rest des Vormittags verbringe ich mit Blick auf das schlechte Wetter lesend im Bett.

Lange muss ich heute auf mein Mittagessen warten. Endlich bekomme ich einen großen Teller Rindsgulasch in Sahnesauce. Ich frage höflich, ob das mein vegetarisches, laktosefreies Essen sei. Oh nein, Verzeihung, da ist was verwechselt, kommt gleich! Wieder dauert es. Mit blumigen Entschuldigungen bekomme ich einen einzelnen, kleinen Kartoffelpuffer mit etwas Apfelmus. Ich gucke extrem schockiert und frage, ob das alles sei. Man versprach mir, die für mich zuständige Diät-Assistentin (??) zu fragen, ob ich mehr essen darf. Nach einer Weile kommt ein zweiter Kartoffelpuffer, offensichtlich in aller Eile zubereitet, denn außen ist er schwarz verbrannt und innen halb roh. Egal, ich bin so hungrig, dass ich auch das in Windeseile verschlinge und mich recht hungrig auf den Weg in die Entspannungsgruppe mache.

Bereits im Vorfeld wurde uns in der Einführung mitgeteilt, dass wir doch bitteschön die Entspannungsgruppen ernst nehmen sollen und nicht als bequeme Gelegenheit, den verpassten Nachtschlaf nachzuholen. Das macht mich natürlich neugierig. Mich erwartet ein heimeliger Raum unter dem Dach, in dem zwölf Entspannungssessel stehen. Dieser ist zunächst mit dem uns zu Beginn ausgehändigten persönlichen Vliestuch zu überziehen – aus hygienischen Gründen. Dann begrüßt uns eine nette Dame und erklärt, dass wir als erstes eine Atemübung machen, mit der wir lernen können, den Alltagsstress hinter uns zu lassen. Im Hintergrund dudelt Entspannungsmusik in Dauer-F-Dur. 20 Minuten lang soll ich meinen Atem fließen lassen und dabei „Baum“ denken. Mein Magen knurrt hörbar. Aber im zunehmenden Konzert sanfter Schnarchgeräusche aus allen Winkeln fällt das nicht weiter auf. Dann gibt es wieder Jacobson. Routiniert liest die nette Dame die Anweisungen mit schwäbelndem Unterton vor. Gut ist, dass hier der Fokus auf Armen, Gesichts- und Nackenmuskulatur liegt. Die Dame rechts von mir kämpft mit ihren dritten Zähnen und zwei Sessel weiter gehen die lauten Atemgeräusche in ein Schnarchpfeifen über. Ich ringe mühsam einen Lachkrampf nieder und bin heilfroh, dass ich anschließend gleich mit der wie mir dauerhungrigen Abteilungsleiterin (Schuhe!) eines Kaufhauses verschwinden kann. Wir haben etliche Kurse zusammen und sind froh, gemeinsam gepflegt lästern zu können. Nach einer kurzen Reizstrombehandlung geht es zur Rückenschule. Die Leiterin ist eine kugelförmige Frohnatur, die uns - munter auf und ab hüpfend - mit einem anschaulichen Wirbelsäulenmodell in den Händen ausführlich vor den bösen, bösen Folgen des Sitzens warnt. Etliche Grafiken und Statistiken unterstreichen das eindrucksvoll. Und sieh da, sie hat Recht: nach einer Stunde Vortrag schmerzt wieder mein Rücken.

Beim Abendessen herrscht weiblicherseits ungewohnte Hyperaktivität. Schnell klärt sich, dass heute ein Bingo-Abend ansteht; allenthalben ist man schon mächtig aufgeregt. Alternativ gibt es ein Kulturprogramm, eine Lesung mit dem schönen Titel „Zwischen Himmel und Hölle oder Blase und Prostata“. Eher nicht mein Thema. Anscheinend bin ich nicht die Einzige, die so denkt, denn das Schwimmbad ist knallvoll. Nach 25 Slalom-Bahnen um gemütlich cruisende Pool-Nudel-Damen reicht es mir. Ich treffe den Filialleiter aus dem Sauerländischen und wir vergleichen Therapiepläne. Auch er hatte heute Oberarzt-Visite. Letzte Woche bekam er für seine schmerzenden Muskeln „selbstständig anzuwendende individuelle Wärmeauflagen“ verordnet, die auch täglich im Plan gelistet sind. Es handelt sich hier schlicht um eine handelsübliche Wärmflasche. Mit etwas Nölen bekam er heute dann eine Fango-Packung verschrieben mit der dringenden Aufforderung, die Wärmflasche umgehend bei der Stationsschwester abzugeben, weil nur eine Art der Wärmeverordnung gestattet sei. Glücklicherweise sind die netten Stationsschwestern ebenso hilfsbereit wie flexibel. Jetzt geht’s ins Bett, denn morgen um 7 Uhr – noch vor dem Frühstück – steht Frühsport auf meinem Plan.

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