11.5.2014, Sonntag

Veröffentlicht auf von Marie

Ein weiteres Mal habe ich wenig Lust aufzustehen. Im Bad stelle ich fest, dass die T-Shirts auf dem Handtuchhalter noch immer feucht sind. Ich drapiere um auf die Heizung. Was trocken ist, ist übel zerknittert. Normalerweise bin ich da sehr penibel und bügle meine Sachen ausführlich und mit Hingabe. Ich ertappe mich bei dem Gedanken, dass das doch hier völlig egal ist. Schminken tue ich mich seit dem zweiten Tag nicht mehr. Dank des täglichen Schwimmens haben meine Haare ihre Mopp-Struktur vervielfacht und die warmen Sachen, die ich jeden Tag trage, sind in der Hauptsache eben warm. Setzt hier bereits die innere und äußere Verwahrlosung ein? Im normalen Alltags-Look mit etwas weit sitzender Hose und bequemem und üppig dimensionierten Pullover gehe ich zum Frühstück. Oh là là! Was ist denn hier los? Zahlreiche Gäste sind anwesend, die Damen sind aufgehübscht mit bunten Pullovern und Seidenschals, überall wird gelacht und am Frühstückstisch erwartet mich erstmalig ein Frühstücks-Ei. Ich fühle mich deplatziert. Schnell komme ich wieder mit dem netten, hochdeutsch redenden Gatten der Dame aus dem Sächsischen ins Gespräch. Wir teilen die Vorliebe für Bücher und Kultur. Die anderen am Tisch verfolgen mit großen Augen, wie wir beiden Schweiger auf einmal viel zu bereden haben. Die Damen fühlen sich ausgegrenzt. Und dann fällt das Stichwort: Muttertag. Au weia! Das ist mir mal wieder völlig entgangen. Deshalb der Seidenschal-Hype und die vielen Besucher! Auf meinem Zimmer stürze ich ans Telefon und rede lang mit meiner überraschend verständnisvollen Mutter – ein Geschenk habe ich natürlich nicht geschickt. Den Rest des Vormittags freue ich mich – wirklich!! - über die zu erledigenden Korrekturen.

Beim Mittagessen werde ich erstmalig satt. Es gibt üppig bemessenen, fluffig-leichten Kartoffelauflauf. Da an meinem Tisch alle schon gegessen haben, setze ich mich einfach zu einer anderen Dame, die ebenfalls allein an ihrem Tisch sitzt. Ich beginne mit der Standardfrage, wo sie herkommt. Ganz aus der Nähe – gerade einmal 20 km entfernt. Und ich frage, ob das nicht blöd ist, weil man doch eigentlich auch mal etwas anderes kennenlernen möchte. Sie erzählt von einer schweren Bandscheiben-OP und dass ein langer Transportweg einfach außerhalb ihrer körperlichen Möglichkeiten lag. Ob sie zufrieden sei? Ja, sehr sogar! Die vielen einzelnen und individuell abgesprochenen Therapien helfen sehr; beim kleinsten auftretenden Problem wird gleich der Therapieplan angepasst und dass sie überhaupt wieder sitzen kann und einigermaßen positiv in die Zukunft blickt, das verdankt sie der Reha hier. Ich staune Betonklötze. Auf weitere Nachfragen stellt sich heraus, dass sie direkt aus dem Krankenhaus gekommen ist als sogenannte Anschlussheilbehandlung. Die bezahlt die Krankenkasse und ist genau so, wie man sich das wünscht. Das MBOR-Programm, in dem ich stecke, ist jedoch von der Rentenversicherung finanziert und von dort vorgegeben. Jeder, der nicht direkt aus dem Krankenhaus kommt und als Erwerbstätiger in die Rentenversicherung einzahlt, kommt automatisch in dieses Programm – unabhängig vom medizinischen Befund. Wieder etwas gelernt: nach einer OP sofort kommen.

Mit meinem überfüllten Bauch versuche ich, ein wenig zu schlafen, was aber nicht gelingt, da meine Halswirbel immer noch heftig zicken. Auch der Kiefer schmerzt inzwischen. Also schmeiße ich eine Schmerztablette ein – mein Konsum übersteigt inzwischen erheblich das Maß, das ich in einer normalen Arbeitswoche zuhause erreiche – und klemme mir meine Beißschiene zwischen die Zähne. So ausgerüstet begebe ich mich in den Fitnessraum, ahnend, dass außer mir sowieso niemand da ist. Dann stört es auch nicht, dass ich gerade nur arg lispelnd reden kann. Eine Stunde radle ich vor mich hin, lese gemütlich, lackiere meine Nägel in mehreren Schichten grün und beobachte, wie vor dem Fenster eine gigantische Regenfront aufzieht. Es blitzt und donnert sogar - und das bei Temperaturen zwischen kalt und eisig.

Beim Frühstück und Abendessen benehme ich mich inzwischen voll peinlich. Ich esse alles, was man nicht einpacken kann (Müsli, Salat) und packe dann belegte Brötchen oder Schnittchen für den Rest des Tages/Abends ein. Heute Abend war der Gatte der Dame aus dem Sächsischen wieder abgereist. Prompt redeten die drei Damen ohne Punkt und Komma wieder über „ihre“ Themen: wer wie oft weint und Kochrezepte mit hohem Fleischanteil. Ich lasse das Ganze wie einen etwas störenden Radiosender an meinen Ohren vorbeiziehen. Nur als ich mein dick mit Käse belegtes Brot einpacke werde ich gefragt, wofür ich das brauche. Eigentlich will ich antworten, dass ich nach dem Schwimmen immer so hungrig bin. Aber nach wenigen Worten werde ich schon wieder unterbrochen – und es dreht sich wieder um Kochrezepte. Am Nebentisch bei den Orthopädie-Patienten geht es laut und fröhlich zu. Wieso nur haben die mich zu den Psychosomaten gesetzt?

Abends im Schwimmbad 50 Bahnen – und bevor hier jemand lästert: es ist ein 25-Meter-Becken. Dann in die Sauna. Da liegt schon entspannt ein Herr, den ich hier mehrfach getroffen habe. Dann sind da noch zwei Mädels um die 30, mehrlagig in Badelaken gewickelt, die sie angesichts meiner ungenierten Nacktheit noch dichter und entschlossener unters Kinn ziehen. Nur die Füße stehen natürlich schwitzend direkt auf dem Holz. Die beiden diskutieren ernsthaft, ob sie nach der Sauna noch unter die Dusche sollen, denn eigentlich sind sie ja sauber und das Wasser ist immer so kalt. Ich verschwinde auf mein Zimmer und freue mich auf das Käsebrot vom Abendessen, einen Müsliriegel und einen Becher Tee.

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Hase 05/11/2014 23:16

Es ist wundervoll, diese Bernhard'schen Erlebnisse zu lesen. Beweist doch, dass der Hl. Tommi gar nicht so viel erfunden als vielmehr abgeschrieben hat - vom leider genau so verlaufenden Leben!