10.5.2014, Samstag

Veröffentlicht auf von Marie

Als der Wecker klingelt, spiele ich mit dem Gedanken, einfach weiterzuschlafen. Warum so früh aus dem Bett quälen, wenn ich heute sowieso nichts vorhabe? Beim Anziehen merke ich, dass meine Hose heftig und störend rutscht. Anscheinend habe ich ziemlich abgenommen. Punkt 2 meiner Check-Liste für den liebenden Ehemann: Gürtel schicken. Bei Tisch frage ich, ob es auffällt, wenn man fehlt. Mir wurde daraufhin erzählt, dass akribisch kontrolliert werde, bei jeder Mahlzeit und in jeder Veranstaltung, ob alle da sind; letzteres war mir schon aufgefallen. Das hat damit zu tun, dass es vor Kurzem hier im Haus zwei Selbstmorde gab. Wenn jemand nicht erscheint, wird umgehend eine Zimmerkontrolle angeordnet. Jetzt machen auch die vielen Beschwichtigungen und Aufforderungen, bei Problemen sich zu melden, Sinn. Auch wenn´s nichts nützt.

Da ich sonst nichts vorhabe, beschließe ich, Wäsche zu waschen. Alles was so angefallen ist, wird erst einmal im Waschbecken eingeweicht. Dieses ist etwas kleiner als die übliche Größe der Kleinwaschbecken deutscher Gäste-WCs. Auswaschen ist nur bei sehr kleinen Kleidungsstücken – das möchte ich jetzt hier nicht näher erläutern – möglich. Ein einfaches langärmeliges T-Shirt sprengt schon die Waschbecken-Dimension. Ich nehme die Dusche zu Hilfe. Auch das Trocknen ist nicht einfach, bietet der beheizte Handtuchhalter im Bad doch nur sehr begrenzt Platz. Also werden alle Hand- und Badetücher über Türen und Stühle drapiert. Und wieder habe ich nach diesem feucht-fröhlichen Vergnügen etwas gelernt: Wäsche am besten täglich in Kleinstmengen erledigen. Nächster Punkt der Checkliste für meinen liebenden Ehemann: langärmlige T-Shirts mitbringen. Die Sport-Tops kann er dafür dann mit nachhause nehmen. Jetzt erschließt sich mir auch der Ungewaschene-Polyester-Hemden-Geruch, den hier so viele verströmen und der die Fahrstuhlbenutzung – nun ja – interessant macht.

Ich beschließe, zu Fuß das Dorf zu erkunden – soweit ich komme. Hier reiht sich in der recht wenig belebten Hauptstraße Café an Café. Einige Häuser sind hübsch restauriert, anderes sträflich verfallen. Man ahnt, dass hier in lange vergangenen Zeiten doch ansatzweise Noblesse zu finden war. Ich kaufe Ansichtskarten für meinen Familie und breche das Ganze dann aber schnell ab. Es ist übel kalt. Trotz zweier Pullover friere ich erbärmlich, besonders an den Händen. Nächster Punkt für die Check-Liste: Handschuhe.

Zu Mittag gibt es einen einzigen Teller total leckere Gemüsesuppe. Außerdem noch abgepackt für mich ein Schälchen mit 6 blauen und 11 kleinen weißen Weintrauben. Meine Hose sitzt so locker, dass ich jetzt auf Sporthose umschwenke – mit dem praktischen Gummizug und Kordel zum enger ziehen. So ausgestattet suche ich den kleinen Fitnessraum auf, der an den Wochenenden zur Verfügung steht. Die Ausstattung ist ausgesprochen minimalistisch, aber der helle Fußboden und die großzügige Glasfront mit Blick auf die Landschaft sind sehr schön. Ich versuche vergeblich, das einzige und sichtlich altertümliche Fahrrad meiner Beinlänge anzupassen – leider festgerostet. Es geht auch so. Mit sehr leichtem Tretwiderstand radel ich 45 Minuten und nütze die Zeit, meinen frisch aufgetragenen Nagellack trocknen zu lassen. Anschließend freue ich mich auf einen Müsliriegel. Rechtschaffen erschöpft döse ich erst einmal eine halbe Stunde vor dem Fernseher. Draußen regnet es in Strömen.

Heute ist Post von der Schule gekommen. Sehr fleißig haben mir meine zukünftigen Abiturienten ein paar Aufgaben geschickt. Normalerweise drücke ich mich ja vor dem Korrigieren, wo es geht. Auch der erste Blick auf die Arbeitsblätter verheißt nichts Gutes. Voller Freude, etwas Sinnvolles (?) zu tun zu haben, zücke ich meinen Rotstift und freue mich über die vielen Korrekturen, die ich anbringen darf. Abends gehe ich wieder schwimmen. Leider entpuppt sich das Schwimmbad als Treffpunkt für allerlei Damen, die in Grüppchen redend auf Pool-Nudeln im Wasser treiben. Statt zügiger Bahnen übe ich mich in gemütlichem Slalom-Brustschwimmen. Auch die Sauna ist gut frequentiert, vorzugsweise mit Menschen, die wohl noch nie in einer waren und meinen, das gehört hier so dazu. Mit einem winzigen Handtuch um den Hals hängend betritt ein schwer sächselndes älteres Paar die Sauna und setzt sich, wie Gott sie geschaffen hat, auf die Holzbänke. Ich informiere höflich, dass das Handtuch eigentlich dazu gedacht ist, darauf zu sitzen. Verlegenes Gekicher. Man gehe ja sonst nie „in so etwas“. Die nicht besonders gepflegten Füße schwitzen ohne Unterlage auf den Bänken. Merke: in Zukunft darauf achten, dass kein Quadratmillimeter von mir direkt mit dem Holz in Berührung kommt. Ab 21 Uhr bin ich wieder alleine und kann mich im Becken austoben. Müde gehe ich ins Bett.

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Nina 05/11/2014 10:14

Du Ärmste, das klingt ja seeehr abenteuerlich. Und deprimierend. Wie lange mußt Du denn dort bleiben?
Falls Du Dich wunderst, ich habe Deinen Link bei Facebook gefunden. Wünsche Dir guten Mut!
Deine Eu-Kollegin vom letzten Jahr, Nina